Psychische Gesundheit

Experten-Interview: Herbstblues – Raus aus dem Stimmungstief!

Der Herbstblues ist für viele ein bekannter Begleiter in den kalten Monaten, Doch wann sollte man einen Arzt aufsuchen? Prof. Dr. Dietmar Winkler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Wien klärt über Depressionen und Herbstblues auf!

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Herbst Depression

Gehörst du zu jener Sorte Mensch, die dem Herbst nur wenig abgewinnen kann? Die feuchten, trüben Herbsttage drücken aufs Gemüt – das ist ganz normal. Manchen Menschen macht diese Jahreszeit aber so sehr zu schaffen, dass sie über längere Zeit deprimiert, müde und erschöpft sind und möglicherweise auch noch mit Schlafstörungen sowie Konzentrationsproblemen zu kämpfen haben. Wann es ratsam ist, einen Arzt aufzusuchen, und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erklärt Prof. Dr. Dietmar Winkler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Wien.

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gesundheitstrends.com: Wenn die Tage kürzer und dunkler werden, schlägt sich das häufig auf die Stimmung nieder. Haben Sie Tipps, wie man dem Herbstblues entkommt – was man also generell für sein Wohlbefinden in der kalten Jahreszeit tun kann?

Prof. Winkler: Als Auslöser für den Herbstblues bzw. die saisonale Depression (SAD) kommt in erster Linie der jahreszeitlich bedingte Lichtmangel infrage, daher ist die wichtigste Gegenmaßnahme ­Tageslicht – und zwar so viel wie möglich. An ­sonnigen Wintertagen lassen sich im Freien Beleuchtungsstärken von mehr als 10.000 Lux messen und auch bei bedecktem Himmel werden noch etwa 3.500 Lux erreicht. In geschlossenen Räumen hingegen beträgt die Beleuchtungsstärke etwa 100 bis 300 Lux, was für den menschlichen Organismus auf Dauer einfach zu wenig ist.

gesundheitstrends.com: Wann wird aus dem "Herbstblues" eigentlich eine s­aisonale Depression (SAD)?

Prof. Winkler: Umgangssprachlich wird die subsyndromale SAD als "Herbstblues" bezeichnet. Man könnte sagen, dass der "Herbstblues" eine sub­klinische Variante der Herbst-Winter-Depression ist, bei der die einzelnen Symptome weniger stark ausgeprägt und Betroffene nach wie vor arbeitsfähig sind. Es gibt also noch keine signifikante Beeinträchtigung der Alltagsaktivitäten.

gesundheitstrends.com: Wie unterscheidet sich die saisonale von einer nicht-­saisonalen Depression?

Prof. Winkler: Das Spezifische an der Herbst-Winter-Depression im Vergleich zur nicht-saisonalen ­Depression ist die zeitliche Gebundenheit an die ­Jahreszeiten. Die Symptome treten im Herbst/Winter auf, bessern sich im Frühjahr und Sommer aber wieder deutlich. Die Anzeichen, auf die man achten sollte, sind depressive Verstimmung, verminderter Antrieb sowie Lust- und Freudlosigkeit. Weiters kommt es zu Konzentrationsschwierigkeiten und Veränderungen im Appetit- und Schlafbedürfnis. Die Symptome der SAD sind prinzipiell dieselben wie die der nicht-saisonalen Depression. Besonderheiten gibt es aber: SAD-Patienten zeigen häufiger ein gesteigertes Schlafbedürfnis (Hypersomnie) als Schlaflosigkeit (Insomnie) und bei Veränderungen des ­Appetits häufiger eine Zunahme mit einer Präferenz kohlenhydrathaltiger Nahrungsmittel ("Carbo­hydrate Craving").

" Die Anzeichen, auf die man achten sollte, sind depressive Verstimmung, verminderter Antrieb sowie Lust- und Freudlosigkeit."

gesundheitstrends.com: Wann reichen regelmäßige Spaziergänge an der frischen Luft nicht mehr aus – wann ist eine ärztliche Behandlung notwendig?

Prof. Winkler: Bei Erfüllung der Kriterien einer Depression ist eine ärztliche Behandlung notwendig. Hat der Patient einen hohen Leidensdruck oder fühlt er sich stark in seinem Alltag eingeschränkt, sollte ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin aufgesucht werden. Es muss abgeklärt werden, ob es sich um eine saisonale Depression oder eine andere Depressionsform handelt – je nachdem erfolgt die Wahl der Therapie.

gesundheitstrends.com: Gibt es Risikofaktoren, die eine Herbst-Winter-Depression ­begünstigen?

Prof. Winkler: Ja, es gibt einerseits innerliche Risiken, beginnend mit genetischen Faktoren, die die Neurobiologie beeinflussen, und andererseits Lifestyle-Faktoren wie einen überwiegenden Aufenthalt in Gebäuden, aus dem ein Lichtmangel resultiert.

gesundheitstrends.com:  Welche Rolle spielt COVID-19? Gibt es bereits Erkenntnisse, dass es durch "Social Distancing" vermehrt zu Depressionen oder anderen seelischen Erkrankungen gekommen ist?

Prof. Winkler: Am Beginn der Pandemie und im ­Rahmen des Lockdowns waren die Menschen insgesamt stärker psychosozial belastet, es kam zu einem Anstieg der Ängste. Auch auf die SAD könnte sich die COVID-19-Pandemie auswirken, sofern Ausgangssperren dazu führen, dass Menschen wieder vermehrt in den Wohnungen bleiben müssen.

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