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Vegane Kindheit: Mit Know-how kein Problem

Wir haben mit Prof. Dr. Markus Keller, Studienautor der VeChi-Diet-Study, über vegane Ernährung im Kindesalter gesprochen.

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Vegane Familie

Studien gibt es wie Sand am Meer, manche sind gut, andere sind schlecht beziehungsweise einfach nicht repräsentativ. Oder sie werden falsch interpretiert, Zwischenergebnisse von einzelnen Journalisten als handfeste Resultate präsentiert, die sie nicht sind. So geschehen bei der Interpretation der VeChi-Diet-Study, deren vorläufige Ergebnisse auf der VegMed 2018 in Berlin vorgestellt wurden: "10 Prozent der vegan ernährten Kinder sind zu klein" lautete die knackige Verkürzung, die von manchen Medien wenig hinterfragt, aber umso eifriger transportiert wurde.

Vegan ist gleich Kindesmisshandlung?

Glaubt man den schnellen medialen Schlüssen, so agieren Eltern, die ihre Kinder rein pflanzlich ernähren, grob fahrlässig. Manchen klingen noch Horrormeldungen im Ohr, wie die von einem Kind, das nur mit Hafermilch ernährt wurde und schließlich starb.

Die Hetze nach derartigen Schlagzeilen ist enorm, auf Social Media schlagen sich Allesesser und Veganer buchstäblich die Schädel ein. Da heißt es, sachlich zu bleiben und diejenigen zu fragen, die sich am besten damit auskennen. Wir haben Prof. Dr. Markus Keller, den Autor der VeChi-Diet-Study und ersten Professor für vegane Ernährung, zu einem Interview gebeten.

Aus der VeChi-Diet-Studie wurde vielfach zitiert, dass 10% der vegan ernährten Kinder zu klein sind. Was bedeutet das konkret?

Prof. Keller: Verglichen mit den Referenzwerten der WHO für Größe und Gewicht war tatsächlich ein Teil der untersuchten vegan oder vegetarisch ernährten Kinder zu dünn bzw. zu klein. Das kann ein Zeichen für eine unzureichende Zufuhr von Energie und/oder Protein sein. Allerdings waren das bisher nur vorläufige Ergebnisse, zum einen, weil wir noch bis Ende April rekrutiert haben, zum anderen, weil wir bisher nur die Rohdaten verglichen und mögliche Einflussfaktoren noch nicht berücksichtigt haben.

Welche sind die eigentlichen Kern-(zwischen-)ergebnisse der Studie, auf die wir fokussieren sollten?

Prof. Keller: Für mich ist die Kernaussage der vorläufigen Auswertung, dass eine vegane Ernährung im Kleinkindalter möglich ist, es aber eine Gruppe von veganen Familien gibt, die eine zusätzliche Beratung benötigen, wie sie ihr Kind nur mit pflanzlichen Lebensmitteln gut ernähren.

Kinder, die Mischkost bekommen, sind häufiger übergewichtig als Kinder, die vegan essen. Ist das in Relation gesundheitsschädlicher als unter veganer Ernährung kleiner gewachsen zu sein?

Prof. Keller: Übergewicht, gerade bei kleinen Kindern, verwächst sich oft wieder und hat nur eine geringe Vorhersagekraft für Übergewicht im späteren Alter. Untergewicht deutet – wenn alle anderen möglichen Einflussfaktoren wie eine noch nicht erkannte Krankheit ausgeschlossen wurden – auf eine unzureichende Ernährung hin, die es zu vermeiden gilt.

Was sagt die Studie bezüglich der Nährstoffversorgung von vegan ernährten Kindern aus?

Prof. Keller: Zur Nährstoffversorgung können wir nichts sagen, nur zur Zufuhr der Ernährung. Das hört sich auf den ersten Blick nach akademischer Haarspalterei an, ist aber ein wichtiger Unterschied. Die tatsächliche Versorgung kann man nur anhand von biochemischen Parametern bestimmen, vor allem anhand von Blutanalysen. Dafür fehlte in der VeChi-Diet-Studie die Finanzierung; gerade bei einer bundesweiten Studie ist die Logistik sehr aufwändig und das geht ins Geld.

Stattdessen haben wir die Nährstoffzufuhr aus den Ernährungsprotokollen geschätzt und mit den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr verglichen. Dabei ergab sich ein heterogenes [=uneinheitliches, Anm.] Bild:

  • Bei Eisen und Folat (Folsäure) erreichten nur die veganen Kinder im Durchschnitt die Referenzwerte und lagen durchschnittlich 45-50% höher als die Mischköstler.
  • Alle drei Studiengruppen erreichten im Durchschnitt die Referenzwerte für Zink und Vitamin C.
  • Die höchste Vitamin-C-Zufuhr hatten die veganen Kinder, sie lagen ca. 30% höher als Kinder mit Mischkost.
  • Kritisch war die durchschnittliche Kalzium-, Jod– und Vitamin-B2-Zufuhr bei allen drei Studiengruppen.

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