Psychische Gesundheit

Kreativität ist lernbar: Date mit dem inneren Kind

Wieder Kind sein – wer hat nicht schon einmal davon geträumt? Nun, wir können die Zeit nicht zurückdrehen, aber mit ein wenig Feenstaub und Vorbereitung lässt sich der Wunsch erfüllen.

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Date mit dem inneren Kind
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Dass der Begriff "Inneres Kind" in den 1990er Jahren so populär wurde und sich den Weg aus dem psychotherapeutischen Diskurs in den Mainstream gebahnt hat, ist nicht zuletzt der Autorin Julia Cameron zu verdanken. 1992 verfasste sie mit "The Artist's Way" (übersetzt 1996: "Der Weg des Künstlers") einen Bestseller, der noch heute als Standardwerk für all jene gilt, deren Beruf Kreativität erfordert.

Denn genau hier liegt ein Widerspruch, der Probleme verursacht: Kreativität kann man nicht fordern. Im Gegenteil. Der Satz "Jetzt sei doch einmal kreativ!" ist die sicherste Möglichkeit, jeden Funken Innovation und Originalität zu ersticken.

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Kind und Kreativität

Kreativität steckt in jedem von uns. Mehr noch: Jeder von uns war schon einmal ein großartiger Künstler – sei es Maler, Bildhauer, Schauspieler etc. –, wir haben es nur verlernt oder vergessen.

  • Als Kind war es für die meisten selbstverständlich, kreative Einfälle umzusetzen. "Zeichne einen Drachen, der Masern hat" oder "Spiele einen Polarforscher, der sich in der Sahara verirrt" war nie ein Problem.
  • Doch mit dem Heranwachsen wuchsen auch die Hemmungen. Jedes Mal, wenn ein Lehrer attestierte: "Das sieht überhaupt nicht wie ein Drache aus!" (oder "Die Perspektive ist ganz falsch").
  • Jedes mal, wenn Mama oder Papa der Meinung waren "So ein Blödsinn, Polarforscher gehören nicht in die Wüste!", wurden wir vorsichtiger – und ein wenig unkreativer.

Das Kind, das wir einmal waren, zog sich zurück. Es verbarg sich hinter einem dicken Schutzpanzer. Anders gesagt: Wir wurden erwachsen.

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Erwachsen sein ist gut

Erwachsen sein ist eine gute Sache. Man kann sich selbst Schokolade kaufen. Man kann aufbleiben solange man will. Vor allem: Man wird ein wenig widerstandsfähiger. Der Schutzpanzer hilft. So wie unser Immunsystem lernt, mit Krankheitserregern umzugehen (Erwachsene sind viel seltener krank als Kleinkinder!), lernt unsere Psyche mit Gefühlen umzugehen. Ist die Lieblingsschokolade ausverkauft, müssen wir uns nicht mehr wie ein Dreijähriger auf den Boden werfen und weinen – wir kaufen stattdessen einfach eine andere Sorte und können gut damit leben.

Kurz: Die Empfindsamkeit eines Kindes wäre in einer Erwachsenenwelt sehr anstrengend. Und wenig zielführend. Oder schreien Sie Ihren Chef an "Du bist soooooo gemein"? Eben.

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Das Dilemma

Wir leben also als Erwachsene in einer Erwachsenenwelt. Im Alltag ist das die einzige sinnvolle Möglichkeit. Der Schutzpanzer ist Freund, nicht Feind. Er lässt uns die kaputte Kaffeemaschine ertragen ebenso wie die nervende Kollegin.

Doch dann kommt jemand und sagt: "Wir brauchen einen Text für Anlass X und eine Lösung für Problem Y. Sei doch mal kreativ!"
Mist, das klappt nicht mehr. Das kreative Kind in uns ist so eingemauert, dass es sich kaum rühren, geschweige denn zu Wort melden kann.

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Was tun?

Gesucht ist also die Quadratur des Kreises: Kind bleiben, um kreativ zu sein – und gleichzeitig erwachsen sein, um den Alltag zu schupfen. Der Weg, den (nicht nur) Julia Cameron dafür vorschlägt, ist sehr charmant: Schenken Sie dem "Inneren Kind" Zeit.

So wird's gemacht:

  • Lernen Sie Ihr inneres Kind erst einmal kennen. Überlegen Sie, wie es aussieht, was es gerne mag etc.
  • Finden Sie heraus, wie alt das Kind ist: Das geht ohne langes Nachdenken. Die meisten Menschen können diese Frage spontan beantworten. Drei? Fünf? Neun? Nehmen Sie die erste Zahl, die Ihnen in den Sinn kommt.
  • Überlegen Sie, was in dem Alter passiert ist. Wenn Ihre Antwort also "fünf Jahre" war, denken Sie nach, ob es im Alter von fünf Jahren ein einschneidendes Ereignis in Ihrem Leben gab. Genau genommen: "Einschneidend" für Sie selber. Es muss nichts Weltbewegendes sein, aber mit großer Wahrscheinlichkeit hat es Sie damals beeindruckt und etwas mit Ihnen gemacht. Wir machen hier keine DIY-Psychoanalyse. Wenn Ihnen kein Ereignis in den Kopf schießt, ist das genauso in Ordnung. Aber falls doch: Es ist schlicht ein interessanter Puzzlestein, um sich selber besser zu verstehen.
  • Schenken Sie dem Kind Zeit. Mindestens zwei Stunden pro Woche. Diese zwei Stunden müssen durchgehend ungestört sein (sprich: vier mal eine halbe Stunde gilt nicht!) und nur Ihnen und dem Kind gehören.
  • Verteidigen Sie diese Zeit wie eine Löwenmutter gegen Übergriffe von außen. Es ist egal, ob sich die Tante Rosi zum Kaffee ankündigt. Das darf sie gerne machen, aber nicht in der Zeit, die Ihrem Kind gehört.
  • Hören Sie in sich hinein, nehmen Sie Ihr inneres Kind an der Hand und lassen Sie sich zwei Stunden lang von ihm führen.
  • Machen Sie ausschließlich Dinge, die dem Kind Spaß machen, zensieren Sie die Vorschläge nicht.
  • Das kann ein Spaziergang im Park sein oder Auslagen anschauen in der Einkaufsstraße. Kekse backen. Schwimmen gehen. Fingerstricken. Singen. Zoobesuch. Kleeblätter suchen. Flippern. Vögel füttern. Alles ist möglich.
  • Nehmen Sie keine Freunde mit. Das ist ein Date nur für Sie "beide". Wie ein reales Kind freut sich auch Ihr "Kleines", wenn es zumindest einmal in der Woche Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hat.
  • Drehen Sie das Handy ab.

Machen Sie dieses Date zu einer lieben Gewohnheit. Sie werden sich anfangs vielleicht ein bisschen komisch dabei vorkommen, aber sobald sich das Ritual etabliert hat, werden Sie merken, dass Ihnen Kreativität im Alltag leichter fällt. (Übrigens auch gut, wenn Sie gerade in Ihrer Diplomarbeit stecken und nicht weiter kommen…)

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