Psychische Gesundheit

Morgenseiten: Schreiben als neuer Morgensport

Moleskine vor Kaffee: Immer mehr Menschen nutzen die ersten Momente des Tages zum Verfassen sogenannter "Morgenseiten". Wir haben uns angesehen, warum.

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Schreiben am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen?
LaylaBird / iStock

Sie sind zu faul für Yoga in aller Herrgottsfrüh, zu zappelig und unkonzentriert für Meditation am Morgen, zu säkular für ein Gebet nach dem ersten Hahnenschrei und zu pragmatisch für esoterische Aufwach-Rituale? Trotzdem wollen Sie Ihrer Psyche etwas Gutes tun und mit einem klaren Kopf in den Tag starten?

Dann könnte die Technik der "Morgenseiten" genau das Richtige für Sie sein. Genau wie das "Date mit dem inneren Kind" wurden auch die Morgenseiten 1992 von der Kreativitäts-Forscherin Julia Cameron ins Leben gerufen. Allerdings sind die Konzepte dahinter schon älter: Die Externalisierung von Gefühlen in einem Tagebuch ist eine anerkannte Methode der Psychotherapie. Und dass die frühen Morgenstunden, noch ehe wir uns die Spuren des Sandmännchens aus den verquollenen Augen gewischt haben, die beste Zeit für Kreativität sind, wurde von Studien mehrfach belegt.

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Morgenseiten: Wie funktioniert das?

Legen Sie sich Papier (A4 Format) und Stifte neben das Bett. Sobald Sie aufwachen, setzen Sie sich hin und füllen drei Seiten mit Ihren Gedanken. Handschriftlich, wohlgemerkt. Zensieren Sie Ihre Gedanken nicht, schreiben Sie, was immer Ihnen gerade durch den Kopf geht, egal wie belanglos oder blödsinnig es scheint. Sie können den Seiten Ihre tiefsten Geheimnisse und Ängste ebenso anvertrauen wie Ihre Einkaufsliste – falls diese gerade durch Ihren zerebralen Cortex geistert. Typischer Weise finden sich auf den Morgenseiten zunächst einmal Sätze wie diese:

  • "Ich bin müde."
  • "Ich weiß nicht, was ich schreiben soll."
  • "Der dämliche Kuli funktioniert nicht gescheit, jetzt hab ich ihn wechseln müssen. Das fängt ja gut an."
  • "Mist, ich hab vergessen, Katzenstreu zu kaufen."
  • "Bäh, ich mag heute nicht."

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Stellen Sie sich am besten vor, die Seiten sind wie ein Staubwedel, der ihr Gehirn abstaubt. Er fährt in alle Ecken, die schon lange nicht mehr geputzt wurden und holt den angesammelten "Lurch" hervor – und dieser landet dann auf dem Papier. Der Effekt? Im Schreibheft steht allerlei Mist, aber Ihr Kopf ist frisch durchgeputzt. In der Früh immer grantig? Lassen Sie es raus. Nicht fähig, um diese Zeit kohärente Sätze zu bilden? Egal. Sie bewerben sich hier nicht um den Pulitzer-Preis!

  • Ganz nebenbei: Niemand schafft es, drei A4-Seiten lang belanglosen Schwampf zu kritzeln. Irgendwann – ob Sie wollen oder nicht – schleicht sich da ein vernünftiger Gedanke ein. In der ersten Zeit vermutlich erst auf Seite 3.
  • Aber je länger Sie die täglichen Morgenseiten praktizieren, desto kleiner wird der Anteil an Müll und desto mehr Brauchbares findet sich in Ihrem Heft.

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So funktioniert's nicht

Einige Fehler gilt es zu vermeiden:

  • Schreiben Sie nicht weniger als drei Seiten. An manchen Tagen wird Ihnen rein gar nichts einfallen, da müssen Sie einfach durch. Selbst wenn Sie eine ganze Seite wieder und wieder mit dem gleichen Satz füllen, ist das in Ordnung. Es geht eben nicht jeden Tag gleich gut. Aber irgendwann kommt der Durchbruch – meistens ohnedies auf Seite 3.
  • Schreiben Sie nicht mehr als drei Seiten. Zu viel narzisstische Nabelschau ist auch nicht erstrebenswert.
  • Lassen Sie niemanden Ihr Werk lesen. Das ist Ihr "Safe Space". Selbst wenn Sie nichts Geheimes aufgeschrieben haben, ist es stärkend zu wissen, dass Sie es könnten.
  • Falls Sie, um diesen "Safe Space" zu sichern, die Seiten nach dem Verfassen zerstören müssen, dann tun Sie das einfach! Es geht um den Prozess, nicht um das Produkt.
  • Besser allerdings: Heben Sie die Seiten (Hefte) auf. Geben Sie sich selber das Versprechen, die ersten zwei Monate nicht zu lesen, was Sie geschrieben haben. Sonst fällt Ihnen bloß auf, wie viel Schwachsinn da steht (= das liegt in der Natur der Sache) und Sie geben gleich wieder auf.
  • Nach der Schonfrist können Sie, falls Sie mögen, Ihre alten Seiten wieder lesen. Manchmal entdeckt man nämlich das eine oder andere Goldklümpchen inmitten des Gerölls.

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