Schlaf und Psyche

Wie der Selbstoptimierungs-Trend uns krank macht

Schritte zählen, Ziele setzen und Wasseraufnahme tracken: Wir versuchen ständig, die "beste Version" von uns selbst zu werden. Warum uns das krank macht.

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Selbstoptimierung
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Höher, schneller, weiter: Dieses Motto gilt heutzutage nicht mehr nur im Sport, sondern betrifft alle Lebensbereiche. Wir sollen ständig daran arbeiten, schöner, fitter, gesünder, klüger und psychisch ausgeglichener zu werden.

  • Wir sollen 40 Stunden arbeiten,
  • in den Yoga-Kurs gehen,
  • "Clean" essen,
  • genug Wasser trinken,
  • unsere Wohnung sauber und schön dekoriert halten,
  • Zeit mit Freunden und Familie verbringen,
  • eine glückliche Partnerschaft führen,
  • uns fortpflanzen
  • und dabei ganz in unserer Mitte sein.

Doch genau diese Anforderungen bringen einen ungesunden Druck mit sich, dem man nur schwer ausweichen kann.

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Spruch

Tracking Apps, Tagebücher und Ziele des Monats

Haben Sie schon einmal aufgeschrieben, wie viel Liter Wasser Sie heute getrunken haben? Wie viel Kalorien Sie heute zu sich genommen haben (aufgeteilt in Proteine, Kohlenhydrate und Zucker natürlich)? Wie viele Schritte Sie gegangen sind? Wie viele neue Menschen Sie diesen Monat kennengelernt haben oder welche Gewohnheiten Sie endlich ablegen wollen?

Klingt ganz schön anstrengend, oder? Genau aus dem Grund hat sich die Industrie Apps, spezielle Tagebücher und Tracking-Listen ausgedacht. Sie sollen Menschen dazu bringen, ihr Verhalten genau zu beobachten, es aufzuschreiben, zu analysieren und sich zu verbessern. Und vor allem auch: Produkte und Dienstleistungen zu kaufen.

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Stress durch Arbeit an sich selbst

Natürlich kann es durchaus gut sein, über einen gewissen Zeitraum mehr auf Verhaltensweisen zu achten, an die man sich gewöhnt hat. Jedoch kann das ständige Überprüfen der eigenen Handlungen, Gedanken und Pläne auch großen Stress auslösen. Die Ansprüche, die man an sich selbst stellt, sind ständig vor Augen, und Potenzial für Versagen ist immer gegeben. Im Jahr 2015 gaben 94% der Millennials an, aktuell an Selbstverbesserung zu arbeiten.

Die hohen Erwartungen, die wir an uns setzen, an denen wir nur scheitern können, sind schlecht für unsere psychische Verfassung. Die Psychologin Kelsey Latimer bestätigt in einem Interview, dass die Industrie rund um Selbstoptimierung uns massiv unter Druck setzt. Sie gebe uns das Gefühl, es sei einfach, die perfekte Ernährung, den perfekten Körper und eine gesunde Psyche zu haben. Dies habe nichts mehr damit zu tun, sich um sich selbst wohlwollend zu kümmern, es erzeuge Stress.

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"Tracking" schafft Versagensgefühle

In einer Studie wurde eine Gruppe von 200 Frauen untersucht, die über eine gewisse Zeit das Fitness-Tracking Armband "Fitbit" trugen. Dieses überprüft laufend die tägliche Schrittanzahl und den Schlafrhythmus einer Person.

  • 79% gaben nachher an, sich unter Druck gesetzt zu fühlen, die täglichen Ziele zu erreichen.
  • 59% meinten sogar, sich von dem Gerät kontrolliert und gesteuert zu fühlen.
  • 30% sagten, sie hätten den "Fitbit" gegen Ende des Experiments ihren "Feind" genannt.

Die ständige Analyse der eigenen Lebens-Performance erzeugt mannigfaltig Möglichkeiten, sich selbst zu kritisieren und sich wie ein Versager zu fühlen. Normalerweise würden wir nicht einmal wissen, wie viele Schritte wir an einem Tag gegangen sind. Studien zeigen, dass Selbstkritik den Fokus auf unser Versagen setzt und Depressionen, Angstzustände, Drogensucht und ein negatives Selbstbild auslösen kann.

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Soziale Medien als "Inspiration"

Noch dazu beobachten wir währenddessen ständig die scheinbar perfekten Leben von Menschen, die uns vorgaukeln, dass alles auf die Reihe zu bekommen: Influencer in den sozialen Medien. Oft wird dabei vergessen, dass diese Internet-Sternchen den ganzen Tag nichts anderes tun, als uns vorzuspielen, wie fröhlich, ausgelassen, sportlich, schön und umweltbewusst  sie nicht leben.

Ein richtiger Job ist bei den meisten Fehlanzeige. Instagram wurde kürzlich in einer Studie als die schlechteste Plattform für unsere psychische Gesundheit bezeichnet, da es unrealistische Erwartungen erzeugt und negative Gefühle auslöst. Und obwohl wir wissen, dass vieles davon nicht echt ist, vergleichen wir uns trotzdem ständig. Influencer verkaufen uns einen unrealistischen Lebensstil, einen Traum. Und Firmen geben ihnen viel Geld dafür, ihre Produkte in diese Traumwelt zu integrieren.

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Seien Sie radikal und mögen Sie sich wie Sie sind

Hinter all dem steckt eine Industrie, die mit unserer Angst, nicht gut genug zu sein, Geld verdienen möchte. Die einzige Möglichkeit auszusteigen: loggen Sie sich aus und mögen Sie sich so, wie Sie sind. (Aber bitte tracken Sie nicht, wie gut Ihnen das gelingt.)

Seien Sie glücklich mit Ihrer mittelmäßig guten Ernährung, Ihrem unregelmäßigen Sportprogramm, Ihrer (manchmal problematischen) Familie und damit, dass Sie nie die perfekte Mutter (oder Vater), Ehefrau (oder Ehemann) oder Freundin (oder Freund) sein werden. Und das ist auch gut so.

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