Psychische Gesundheit

Warum wir uns ständig mit anderen vergleichen

Sich mit anderen zu vergleichen und zu messen, macht auf Dauer unglücklich. Wir zeigen Ihnen, wie Sie aus der ewigen Spirale der Abwärtsvergleiche entkommen können.

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Ja, wir haben es schon oft gehört, können es aber meist nicht einfach so umsetzen:
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Ja, wir haben es schon oft gehört, können es aber meist nicht einfach so umsetzen: "Vergleiche dich niemals mit anderen!" Diesen Satz richtig zu leben, scheint die Spitze der Selbstoptimierungspyramide zu sein. Vor allem Frauen dürften von Kindesbeinen an lernen, sich mit ihren Geschlechtsgenossinnen zu vergleichen:

  • Ist sie dicker/dünner als ich?
  • Hat sie mehr Freunde als ich?
  • Hat sie schönere Haut als ich?
  • Sind ihre Klamotten besser als meine?

Die Liste ist endlos. Das Schlimme daran: Wir verinnerlichen diese Vergleichsprozesse so sehr, dass wir sie kaum abstellen können und sie im Erwachsenenalter schließlich automatisch abspielen, zum Beispiel, wenn wir eine neue Person (eine Frau…) kennenlernen.

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Warum tun wir das überhaupt?

Woher kommt eigentlich der Drang, sich selbst mit dem Gegenüber zu vergleichen? Die Wissenschaft hat sich mit dieser Thematik schon auseinandergesetzt. Dabei heraus kam die Theorie des sozialen Vergleichs, die von Leon Festinger geprägt wurde. Diese Theorie besagt, dass es eigentlich gar nicht um das beobachtete Objekt, sondern lediglich um uns selbst geht. Anhand des sozialen Vergleichs erkennen wir, wo wir stehen:

  • Liege ich über dem Durchschnitt?
  • Kann ich gerade so mithalten?
  • Bin ich weit abgeschlagen?

Das bedeutet: Wenn wir im Schwimmbad die Bäuche der Umliegenden kontrollieren, wollen wir ermitteln, ob unser eigener Bauch Bikini-würdig ist. Auf dem Laufband im Fitnesscenter lugen wir auf die Displays der anderen, um zu schauen, wie gut wir sind. Die eigene Wertigkeit checken wir im Gehältervergleich: Sie verdient mehr, also kann sie mehr oder wir mehr geschätzt als ich?

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Abwärtsvergleich für ein gutes Feeling

Während der Blick auf die Bessergestellten Frustration und Selbsthass anheizen, kann der Abwärtsvergleich richtig beflügeln. Er ist das Trostpflaster für Zeiten des Selbstwertmangels. "Oh, bei der letzten Prüfung habe ich besser abgeschlossen als sie! Aha, heute hat sie drei Pickel im Gesicht, ich hab gar keinen, hihi."

Unsere Gedanken haben im Normalfall keine böse Absicht, sondern dienen lediglich dazu unser Selbstwertgefühl aufzumöbeln. Wir selbst sind davon übrigens auch nicht gefeit: Der Vergleich mit dem früheren Ich kann ebenso angenehm sein, à la "Wow, damals war ich noch dick" oder "Heute vor einem Jahr war ich noch arbeitslos und habe bei den Eltern gewohnt, heute finanziere ich mich selbst".

Wenn wir uns mit "Überlegenen" vergleichen, bleiben wir oft zermürbt zurück. Dabei wäre dies eine Chance, um Lernpotentiale zu ergründen, denn durch die Nachahmung, die wir schon als Kinder regelmäßig angewandt haben, können wir tatsächlich besser werden. Schwierig wird es dann, wenn wir auf Unerreichbares bzw. Unrealistisches schielen. Beispiel: Wer klein ist, wird nicht plötzlich 1,80 Meter groß sein. Auch wenn er sich da noch so sehr wünscht.

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Minderwertigkeitsgefühl durch Vergleiche

Kritisch wird die Angelegenheit, wenn das ewige Vergleichen krankhafte Züge annimmt:

  • Zwang zum Vergleich: Sie können gewisse Momente nicht genießen, weil Sie sich ständig mit anderen vergleichen und sich deswegen schlecht fühlen.
  • Immer Aufwärtsvergleiche: Wer sich immer mit gestählten und Brokkoli-mampfenden Bloggerinnen auf Instagram vergleicht, wird auf Dauer frustriert sein. Wer sich ständig mit solchen Überoptimierten misst, glaubt eines Tages, dass diese Menschen der Durchschnitt sind.
  • Nur halbe Vergleiche: Wenn Sie schon vergleichen, dann ordentlich. Wer nämlich dabei Kriterien ausschließt, belügt sich selbst. Beispiel: Sie möchten gerne wie eine bestimmte Person aussehen, berücksichtigen aber nicht die Dinge, die dafür geopfert werden müssten wie nötige Zeit, Lebensqualität oder gutes Essen.
  • Anderer Bezugsrahmen: Sie haben vorher in einem Umfeld gearbeitet, in dem niemand studiert hat, außer Ihnen. Im neuen Arbeitsumfeld sind alle Akademiker mit Doktortitel, Sie sind der einzige Bachelor. Während Aufwärstsvergleiche früher an der Tagesordnung lagen, sind Sie nun mit dauerndem Abwärtsvergleich konfrontiert. Das liegt aber nicht an Ihnen, sondern lediglich an Ihrem Umfeld!

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Warum klassische Ratschläge wenig nutzen

Ratschläge wie "einfach damit aufhören", "dankbar sein, für das, was man hat", "nicht lästern" etc. helfen uns oft nicht weiter, um die Vergleiche sein zu lassen oder zumindest nicht unglücklich darüber zu sein. Stattdessen geistern uns halbfertige und negative Vergleichsgedanken durch den Kopf.

Wie wäre es, wenn wir diese einfach zu Ende denken? Denken Sie zum Beispiel an eine Person im Chefsessel, die Sie um ihre Position schon lange beneiden:

  • Wie würde es mir ergehen, wenn ich diesen Job hätte?
  • Welche Entbehrungen gegen damit einher?
  • Wie viel Freizeit hätte ich noch?
  • Vielleicht macht mich meine derzeitige Situation doch glücklicher?

Nehmen Sie einen Vergleich also erst ernst, wenn Sie ihn fertig gedacht haben. Dann können Sie immer noch entscheiden, ob Sie ihn abhaken, für eine Weile entkräften oder ihn zum Anlass nehmen, um tatsächlich etwas an Ihrem Leben zu ändern.

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