Wenn Hunde zuhören: Kann dein Vierbeiner dich verstehen?

Vielleicht kennst du das: Schon wenn du das Wort „Gassi“ sagst, fängt dein Hund an zu winseln, zu springen oder vor Aufregung herumzulaufen. Und kaum fällt das Wort „Tierarzt“, versteckt er sich unter dem Sofa oder schaut dich mit großen Augen an. Zufall? Laut einem Forschungsteam aus Wien auf keinen Fall. Denn Hunde können uns viel besser verstehen, als wir bisher gedacht haben.

Wie Hunde die Sprache lernen

Hunde sind unsere treuen Begleiter seit Jahrtausenden – aber ihre Intelligenz überrascht uns immer wieder. Viele von uns kennen das: Schon ein kurzer Blick, ein Laut, und der Hund weiß genau, was du willst. Doch manche Hunde gehen weit darüber hinaus. Sie sind sprachbegabt, lernen neue Wörter und können sie sogar aus Gesprächen zwischen Menschen aufgreifen.

Die Wiener Verhaltensforscherin Shany Dror und ihr Team vom Messerli Forschungsinstitut wollten herausfinden, wie Hunde Wörter verstehen, ohne dass sie direkt darauf trainiert werden. Sie wählten dafür zehn Hunde aus, die in früheren Tests bereits besondere Sprachfähigkeiten gezeigt hatten – die „High-Potentials“ unter den Vierbeinern.

Das Experiment: Zuhören statt Anleiten

So lief ein typischer Test ab: Ein Hund sitzt entspannt, während sein:e Besitzer:in mit einem Familienmitglied über ein neues Spielzeug spricht. Sie nennen es zum Beispiel „Vogel“ und geben es einander weiter – alles ganz normale Unterhaltung. Dann kommt der spannende Moment: Vor dem Hund liegen mehrere bekannte Gegenstände und das neue Spielzeug.

Zunächst wird ein bekannter Gegenstand apportiert – kein Problem. Dann heißt es: „Bring den Vogel.“ Und was passiert? Der Hund holt konsequent den richtigen Gegenstand, obwohl er ihn beim ersten Hören des Wortes gar nicht gesehen hat. Einfach nur durch Zuhören hat er verstanden, welches Objekt gemeint ist.

In einem weiteren Experiment zeigten die Forscher, dass die Hunde die Wörter auch abstrahieren können: Das neue Spielzeug wird zunächst gezeigt, dann aber außer Sicht gebracht. Erst danach wird der Name genannt. Später kann der Hund das Objekt trotzdem korrekt identifizieren. Das ist verblüffend: Er verbindet ein Wort mit einem Gegenstand, auch ohne ihn zu sehen.

Hochbegabte Hunde

Diese Fähigkeit ist extrem selten. Weltweit kennt man nur etwa 40–45 Hunde, die so etwas können. Die meisten Hunde reagieren zwar auf Kommandos, aber sie lernen nicht eigenständig neue Wörter aus Gesprächen. Die Wiener Studienteilnehmer sind also echte Ausnahmefälle – wahre „Genies“ unter Hunden.

Besonders häufig tritt diese Hochbegabung bei Border Collies auf, aber auch Labradore, Golden Retriever, Australian Shepherds oder sogar kleinere Rassen wie Shih Tzus und Pekinesen können dazu gehören. Die Forscher:innen vermuten, dass genetische Anlagen eine Rolle spielen – aber auch Training und Aufmerksamkeit entscheidend sind. Wer viel Zeit in seinen Hund investiert, kann seine Intelligenz fördern.

Dror sagt es so: „Wir Menschen sind selbst dafür verantwortlich, wie schlau unsere Tiere werden. Je mehr wir in die Beziehung investieren, desto eher werden sie brillieren.“

 

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Evolutionärer Vorteil des Zuhörens

Warum sollten Hunde überhaupt Wörter aus Gesprächen lernen? Die Antwort könnte evolutionär sein: Hunde, die die Kommunikation ihrer menschlichen Mitbewohner verstehen, hatten wahrscheinlich bessere Chancen, erfolgreich in der Nähe von Menschen zu leben. Sie konnten erkennen, welche Objekte nützlich oder gefährlich waren – und ihr Verhalten entsprechend anpassen.

Interessant ist, dass die Hunde beim Zuhören nicht einfach passiv registrieren, sondern aktiv Informationen verarbeiten. Sie achten auf Pausen, Tonfall, Blickrichtung und andere subtile Signale – und erschließen so die Bedeutung eines neuen Wortes. Das ist ein beeindruckendes Beispiel für soziale Intelligenz.

Die Ähnlichkeit zu Kleinkindern

Die Fähigkeit der Hunde erinnert stark an den Spracherwerb bei Kleinkindern. Schon anderthalbjährige Kinder lernen Wörter nicht nur durch direkte Benennung, sondern auch durch Beobachtung der Gespräche anderer Menschen.

Bei den Hunden scheint ein ähnlicher Mechanismus am Werk zu sein: Sie nehmen Sprache kontextabhängig auf, verbinden Wörter mit Objekten und merken sich Bedeutungen, auch wenn sie das Objekt beim ersten Hören nicht sehen. Die Forscher wollen nun herausfinden, ob die mentalen Prozesse bei Hunden tatsächlich denen von Kleinkindern ähneln.

Das würde unser Verständnis von Tierintelligenz und Sprache grundlegend erweitern – und zeigen, wie flexibel das Hundehirn wirklich ist.

Nicht jeder Hund ist ein Sprachgenie

Keine Sorge, nicht jeder Hund wird plötzlich die Gespräche der Familie entschlüsseln. Die Fähigkeit, Wörter aus Gesprächen zu lernen, ist extrem selten. Die meisten Hunde verstehen zwar Kommandos, können aber keine neuen Begriffe kontextunabhängig erfassen.

Deshalb sind die Wiener Hunde wahre Ausnahmefälle. Sie zeigen eine beeindruckende kognitive Flexibilität: Sie hören zu, verarbeiten Informationen, abstrahieren und handeln danach – alles Fähigkeiten, die man sonst eher bei Menschen vermuten würde.

So kannst du die Intelligenz deines Hundes fördern

Auch wenn dein Hund kein Border-Collie-Genie ist, kannst du seine Intelligenz fördern. Hier ein paar Tipps:

  • Zuhören ermöglichen: Lass deinen Hund an Gesprächen teilnehmen, auch wenn du ihn nicht direkt ansprichst.
  • Neue Wörter spielerisch einführen: Wiederholte Benennung von Objekten oder Spielzeugen wie Soundboards hilft ihm, Bedeutungen zu verknüpfen.
  • Kognitives Training: Suchspiele, Apportier-Aufgaben oder Zuordnungsübungen fördern die Gehirnfunktion.
  • Soziale Signale bewusst einsetzen: Blickkontakt, Tonfall und Pausen lenken die Aufmerksamkeit des Hundes.

Dror lädt Hundebesitzer:innen sogar ein, ihre Tiere für weitere Studien anzumelden, wenn sie ähnliche Fähigkeiten vermuten. So könnten noch mehr „sprachbegabte“ Vierbeiner entdeckt werden.

Warum Hunde uns so faszinieren

Die Wiener Studie zeigt eines sehr deutlich: Hunde sind viel mehr als treue Begleiter. Sie sind kognitive Meisterwerke, die die Welt auf erstaunlich komplexe Weise verstehen können. Hochbegabte Hunde demonstrieren, dass Sprache und Intelligenz nicht nur menschliche Domänen sind.

Vielleicht sitzt gerade neben dir ein kleines Genie, ohne dass du es weißt. Vielleicht hört dein Hund gerade zu, während du über das Abendessen sprichst, und versteht schon längst, was „Leckerli“ oder „Kauknochen“ bedeutet. Allein die Vorstellung zeigt, wie eng unsere Beziehung zu Hunden ist – und wie viel wir noch von ihnen lernen können.

Bildquellen

  • Hochbegabte Hunde: iStockphoto.com/ Milena Magazin

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