Die Pollensaison hat in Österreich längst begonnen – und sie wird immer länger. Viele Menschen sehen Pollenallergien noch immer als ein Problem des Frühlings. Doch die Realität sieht anders aus: Für viele Betroffene dauert die Belastung inzwischen einen großen Teil des Jahres. Auch die Prognose für 2026 zeigt, dass Allergiker:innen heuer besonders aufmerksam sein sollten – vor allem im Frühling.
Die ganzjährige Pollensaison
Bei einer Pressekonferenz zur Pollensaison 2026 erklärten Expertinnen und Experten des Österreichischen Polleninformationsdienstes, dass sich die Situation für Allergiker:innen in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Gründe dafür sind unter anderem der Klimawandel, längere Vegetationsperioden und neue Pflanzenarten.
Die Allergologin Priv.-Doz. Dr. Petra Zieglmayer erklärte, dass Pollenallergien oft unterschätzt werden. Viele Menschen glauben, sie hätten nur wenige Wochen im Jahr Beschwerden. Tatsächlich dauert die Pollensaison aber viel länger.
„Man könnte meinen, dass das ein enden wollendes Thema ist, weil die einzelnen Pollensaisonen für Bäume nur ein paar Wochen betragen und der Rest des Jahres die Patienten gesund sind“, sagte Zieglmayer. „Das ist aber nicht der Fall.“
Durch steigende Temperaturen beginnen viele Pflanzen früher zu blühen. Gleichzeitig dauert ihre Blütezeit länger. Deshalb gibt es im Jahr immer weniger Wochen, in denen keine Pollen in der Luft sind.
Eine Volkskrankheit mit steigender Tendenz
Pollenallergien gehören zu den häufigsten Allergien überhaupt. Laut den Expert:innen leidet mehr als die Hälfte aller Allergiker:innen an einer Pollenallergie. Auch in Österreich steigt die Zahl der Betroffenen seit Jahren.
Der Eindruck, dass Allergiker:innen nur im Frühling Beschwerden haben, stimmt daher längst nicht mehr. Zieglmayer erklärte, dass die Pollensaison heute im Durchschnitt etwa drei Wochen früher beginnt als noch vor einigen Jahrzehnten.
Auch neue Pflanzenarten spielen eine Rolle. Einige davon breiten sich immer stärker aus oder blühen länger. Dadurch sind Allergiker:innen über viele Monate hinweg belastet.
Viele Betroffene haben deshalb über längere Zeit Symptome – selbst wenn sie diese nicht immer sofort mit einer Allergie in Verbindung bringen.
Allergien bleiben oft lange unerkannt
Ein Problem ist auch, dass Allergien oft spät erkannt werden. Die Beschwerden ähneln häufig einer Erkältung: verstopfte Nase, Niesen, tränende Augen oder Müdigkeit. Viele Betroffene denken deshalb zuerst an eine Virusinfektion und behandeln sich selbst mit Medikamenten aus der Apotheke.
Nach Einschätzung von Zieglmayer kann es deshalb Jahre dauern, bis eine Allergie tatsächlich diagnostiziert wird. Viele Menschen gehen erst dann zur Ärztin oder zum Arzt, wenn die Beschwerden stärker werden oder lange anhalten.
„Gerade Schnupfenprobleme interpretieren Patienten sofort als Virusinfektion“, erklärte Zieglmayer. Manche Menschen gewöhnen sich sogar so sehr an ihre Symptome, dass sie diese gar nicht mehr als ungewöhnlich wahrnehmen.
Dabei können die Beschwerden die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Müdigkeit, Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten sind häufige Folgen.
Wenn aus Heuschnupfen Asthma wird
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zusammenhang zwischen Heuschnupfen und Asthma. Laut Zieglmayer kann ein Teil der Menschen mit Pollenallergie später auch Asthma entwickeln.
Etwa 40 Prozent der Heuschnupfenpatient:innen bekommen im Laufe ihres Lebens Asthma. Umgekehrt haben rund 80 Prozent der Asthmapatient:innen auch eine Pollenallergie.
Neben den gesundheitlichen Folgen entstehen dadurch auch hohe Kosten. Asthma verursacht laut Zieglmayer etwa das 15-Fache der Kosten von Heuschnupfen. Dabei geht es nicht nur um Medikamente. Auch Arbeitsausfälle oder Krankenhausaufenthalte spielen eine Rolle. Außerdem können Allergiesymptome die Leistung in Schule oder Beruf beeinträchtigen.
Die Pollensaison 2026 beginnt ungewöhnlich
Wie sich die aktuelle Pollensaison entwickelt, erklärte der Aerobiologe Lukas Dirr vom Österreichischen Polleninformationsdienst. Der Start ins Jahr 2026 verlief etwas anders als üblich.
Der kalte Jänner verzögerte den Beginn der ersten Blütephase. Österreich erlebte den kältesten Januar seit neun Jahren. Deshalb begann die Hasel später zu blühen als normalerweise. Als die Temperaturen wieder stiegen, ging es jedoch schnell. Vor allem bei der Erle kam es zu starken Belastungsspitzen.
Dirr berichtete, dass nach einer Schönwetterphase eine „explosionsartige Freisetzung von Erlenpollen“ beobachtet wurde. Die Konzentrationen lagen teilweise über dem langjährigen Durchschnitt. In vielen Regionen ist diese Phase inzwischen aber wieder vorbei.
In den Niederungen Österreichs ist die Erlen- und Haselsaison laut Dirr bereits weitgehend beendet. Dort gibt es aktuell meist nur noch geringe bis mäßige Belastungen. In höheren Lagen kann die Belastung allerdings weiterhin stärker sein.
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Birkenpollen als Hauptbelastung im Frühling
Der Blick richtet sich jetzt vor allem auf die Birke – einen der wichtigsten Auslöser für Pollenallergien in Mitteleuropa. Für 2026 erwarten die Expert:innen eine besonders intensive Saison. Das liegt an einem natürlichen Rhythmus der Birken.
Dirr erklärte, dass Birken meist in einem Zwei-Jahres-Zyklus blühen. Auf ein Jahr mit besonders vielen Pollen folgt oft ein Jahr mit weniger Pollen – und umgekehrt. Da das vergangene Jahr eher schwach war, rechnen die Fachleute heuer mit einer größeren Pollenmenge.
Der Beginn der Birkenpollensaison wird gegen Ende März erwartet. Laut Dirr könnte die Blüte etwa zwischen dem 28. und 31. März beginnen. Danach steigt die Belastung meist schnell an und erreicht im April ihren Höhepunkt.
Gräser übernehmen im Frühsommer
Nach der Birkenblüte gibt es oft nur eine kurze Pause. Danach beginnt meist schon die nächste große Belastungsphase: die Gräserpollensaison. In manchen Jahren überschneiden sich diese beiden Pollensaisonen sogar. Auch 2026 könnte das passieren, wenn das Wetter entsprechend verläuft.
Die Gräserpollensaison beginnt in Österreich meist zwischen Ende April und Anfang Mai. Sie gehört zu den längsten Belastungsphasen für Allergiker:innen. In vielen Regionen dauert sie bis Ende August. Manchmal reicht sie sogar bis in den September.
Dirr nennt als Beispiel Regionen mit großen Schilfgürteln, etwa rund um den Neusiedler See. Dort können Gräserpollen besonders lange in der Luft bleiben.
Spätsommer mit Beifuß und Ragweed
Auch danach endet die Pollensaison noch nicht. Im Sommer beginnt die Blüte von Beifuß, einer weiteren allergieauslösenden Pflanze. Die Beifußsaison startet meist Ende Juni oder Anfang Juli und dauert bis in den September.
Kurz danach folgt Ragweed, auch Ambrosia genannt. Diese Pflanze gilt als besonders starkes Allergen und verursacht vor allem im Osten Österreichs Probleme. Viele Ragweedpollen kommen allerdings gar nicht aus Österreich selbst. Sie werden aus Südosteuropa nach Mitteleuropa transportiert.
Durch bestimmte Luftströmungen können die Pollen über weite Strecken reisen. Dadurch kann es auch in Österreich plötzlich zu höheren Belastungen kommen – oft am Abend.
Digitale Unterstützung für Allergiker:innen
Um Betroffene besser zu informieren, baut der Österreichische Polleninformationsdienst seine digitalen Angebote weiter aus. Der Leiter des Dienstes, Dr. Markus Berger, erklärte, dass Vorhersagen über den aktuellen und zukünftigen Pollenflug eine wichtige Rolle spielen.
Dabei werden nicht nur Pollendaten berücksichtigt, sondern auch Wetterprognosen, Luftqualität und andere Umweltfaktoren.
Neu ist ein KI-gestützter Chatbot namens „Pollee“. Er soll Nutzerinnen und Nutzern Fragen rund um Pollenflug und Allergiesymptome beantworten.
Berger beschrieb den Chatbot als eine Art kleine, spezialisierte Version von ChatGPT. Anders als offene Systeme greife er nur auf wissenschaftlich geprüfte Informationen zurück, die vom Polleninformationsdienst bereitgestellt werden.
Bereits in der Testphase wurde das Angebot häufig genutzt. Laut Berger gab es allein im Februar mehrere tausend Interaktionen.
Städte sollen allergiker:innenfreundlicher werden
Neben digitalen Angeboten gibt es auch Projekte, die langfristig helfen sollen. Ein europäisches Projekt beschäftigt sich damit, Städte für Allergiker:innen verträglicher zu machen.
Der Aerobiologe Johannes Bouchal erklärte, dass dabei vor allem die Auswahl von Pflanzen eine Rolle spielt. Viele Bäume und Sträucher produzieren große Mengen allergener Pollen.
Gemeinden sollen deshalb künftig stärker darauf achten, welche Pflanzen sie im öffentlichen Raum setzen. Das Ziel sind sogenannte „smarte Nachpflanzungen“. Dabei werden Pflanzen gewählt, die weniger Allergien auslösen.
Ein herausforderndes Jahr für Allergiker:innen
Die Prognose für 2026 deutet insgesamt auf ein intensives Pollenjahr hin – vor allem wegen der erwarteten starken Birkenblüte und der möglichen Überschneidung mit der Gräserpollensaison.
Für Allergiker:innen bedeutet das, dass sie sich frühzeitig informieren und auf mögliche Belastungsphasen vorbereiten sollten. Gleichzeitig gibt es heute mehr Informationen und Hilfsmittel als früher.
Und eines wird immer deutlicher: Pollenallergien sind längst kein kurzfristiges Frühlingsproblem mehr. Wie Zieglmayer zusammenfasste, zeigt ein Blick auf das ganze Jahr, dass es mittlerweile nur noch sehr wenige Wochen gibt, in denen tatsächlich keine Pollen in der Luft sind.
Bildquellen
- Pollensaison 2026: iStockphoto.com/ RealPeopleGroup
