Wintering: Ein Wellness-Trend, inspiriert von der Natur

Während Instagram uns weiterhin Morgenroutinen um 5:30 Uhr, eisige Eisbäder und ambitionierte Jahresziele präsentiert, meldet sich bei vielen Menschen im Winter ein ganz anderes Bedürfnis: Ruhe. Rückzug. Wärme. Und vor allem: eine Pause. Genau hier setzt ein Wellness-Trend an, der in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit bekommt – Wintering. Statt den Winter zu „überstehen“ oder ihn möglichst produktiv zu nutzen, lädt Wintering dazu ein, ihn bewusst anzunehmen. Als Jahreszeit des Innehaltens. Als Phase des Rückzugs.

Was bedeutet „Wintering“ eigentlich?

Der Begriff Wintering beschreibt weniger eine konkrete Methode als vielmehr eine Lebenshaltung. Im Kern geht es darum, den Winter – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn – als notwendige Phase der Erholung und Neuordnung zu begreifen.

In der Natur ist das selbstverständlich: Bäume verlieren ihre Blätter, Tiere ziehen sich zurück, das Wachstum pausiert. Doch der Mensch lebt zunehmend im Widerspruch zu diesen natürlichen Rhythmen. Dank künstlichem Licht, ständiger Erreichbarkeit und einem allgegenwärtigen Leistungsdruck gibt es kaum noch echte Pausen. Wintering stellt genau diese Daueraktivität infrage.

Der Gedanke wurde vor allem durch das Buch „Wintering: The Power of Rest and Retreat in Difficult Times“ der britischen Autorin Katherine May bekannt. Darin beschreibt sie Winter nicht nur als Jahreszeit, sondern als Lebensphase, die jeder Mensch immer wieder erlebt: Zeiten von Erschöpfung, Trauer, Krankheit oder Umbruch. Anstatt diese Phasen zu bekämpfen, empfiehlt sie, sie bewusst zu erleben – ruhig, achtsam und mit Selbstmitgefühl.

Ein Gegenentwurf zur Hustle-Kultur

Wintering ist auch eine leise Rebellion. Gegen das Mantra des „Immer-Weiter“, gegen Selbstoptimierung rund um die Uhr und gegen das Gefühl, selbst in dunklen Wintermonaten Höchstleistungen bringen zu müssen.

Während andere Trends wie „Winter Arc“ oder „New Year Glow-Up“ den Winter als perfekte Vorbereitungszeit für ein besseres, fitteres, erfolgreicheres Ich inszenieren, sagt Wintering: Du musst dich gerade nicht verbessern. Du darfst einfach du sein.

Das macht den Trend so attraktiv – besonders für Menschen, die sich ausgebrannt fühlen oder die Nase voll haben von To-do-Listen, die niemals enden.

Warum trifft Wintering gerade jetzt einen Nerv?

Dass Wintering ausgerechnet in den letzten Jahren beliebt geworden ist, ist kein Zufall. Pandemie, globale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheit und permanente Reizüberflutung haben viele Menschen an ihre Grenzen gebracht. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für mentale Gesundheit und die Bedeutung von Erholung.

Der Winter wirkt in diesem Kontext wie ein natürlicher Verstärker. Weniger Licht, niedrigere Temperaturen und ein verlangsamter sozialer Rhythmus bringen ohnehin viele Menschen dazu, sich zurückzuziehen. Wintering gibt diesem Impuls einen Namen – und vor allem eine positive Bedeutung.

Statt Wintermüdigkeit als Schwäche zu sehen, wird sie als Signal interpretiert: Der Körper möchte langsamer werden.

Wie sieht Wintering im Alltag aus?

Wintering bedeutet nicht, monatelang nichts zu tun oder sich komplett von der Welt abzukapseln. Es geht vielmehr um bewusste Anpassung: des Tempos, der Erwartungen und der eigenen Bedürfnisse.

Typische Elemente des Wintering können sein:

1. Langsamer leben
Terminkalender werden entschlackt, soziale Verpflichtungen reduziert. Man sagt öfter Nein – ohne schlechtes Gewissen.

2. Rituale der Wärme und Geborgenheit
Warme Getränke, Kerzenlicht, dicke Pullover, lange Abende mit Büchern oder Musik. Dinge, die Sicherheit und Ruhe vermitteln.

3. Mehr Schlaf und echte Erholung
Wintering erkennt an, dass der Körper im Winter oft mehr Schlaf braucht. Früh ins Bett zu gehen wird nicht als langweilig, sondern als fürsorglich betrachtet.

4. Innenschau statt Außenwirkung
Journaling, Reflektion, Meditation oder einfaches Nachdenken bekommen mehr Raum als Selbstdarstellung oder Produktivität.

5. Weniger Druck, mehr Sanftheit
Sport wird moderater, Ziele werden kleiner, Erwartungen realistischer. Nicht alles muss jetzt passieren.

@noaamaariawintering♬ Wildflower – Beach House

Wintering ist nicht Faulheit

Ein häufiger Kritikpunkt lautet: Fördert Wintering Trägheit oder Rückzug? Die Antwort lautet: Nein – zumindest nicht im negativen Sinne.

Wintering unterscheidet klar zwischen passiver Erschöpfung und aktivem Ausruhen. Es geht nicht darum, Verantwortung abzugeben oder sich dauerhaft zu isolieren, sondern darum, Energie gezielt zu sammeln. Wie ein Acker, der brachliegt, um im Frühling wieder fruchtbar zu sein.

Tatsächlich berichten viele Menschen, dass sie nach einer Phase des bewussten Winterings im Frühjahr kreativer, klarer und belastbarer sind. Die Pause wird zur Grundlage neuer Bewegung.

Die Metapher der inneren Jahreszeiten

Besonders spannend ist Wintering dort, wo es über den Kalender hinaus gedacht wird. Nicht jeder Winter ist kalt – und nicht jede Krise kommt im Dezember oder Jänner. Das Konzept lässt sich auf das gesamte Leben übertragen.

Ein beruflicher Umbruch, eine Trennung, Krankheit oder emotionale Erschöpfung können ebenfalls „Winterphasen“ sein. Wintering lädt dazu ein, diese Zeiten nicht zu beschleunigen oder wegzutherapieren, sondern ihnen Raum zu geben.

Das widerspricht unserer Kultur, die Heilung oft als schnelle Rückkehr zur Funktionalität versteht. Wintering sagt stattdessen: Manchmal ist Stillstand Teil des Weges.

Social Media: Cozy, aber nicht nur Ästhetik

Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok wird Wintering oft mit einer sehr bestimmten Bildsprache verbunden: Kerzen, Strickdecken, Teetassen, Schneelandschaften, ruhige Musik. Diese Ästhetik ist nicht zufällig – sie vermittelt genau das Gefühl von Schutz und Langsamkeit, das der Trend propagiert.

Doch man muss bedenken, dass dieser Trend nicht gekauft werden kann. Es entsteht nicht durch neue Wohnaccessoires, sondern durch eine innere Haltung.

Die Frage lautet nicht: „Wie gemütlich sieht mein Winter aus?“
Sondern: „Erlaube ich mir wirklich, langsamer zu sein?“

Wintering vs. Selbstoptimierung

Ein zentraler Unterschied zu vielen Wellness-Trends liegt im Umgang mit Zielen. Wintering ist nicht leistungsorientiert. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, kein Vorher-Nachher-Versprechen, keinen festen Plan.

Paradoxerweise ist es oft schwerer, langsamer zu werden als schneller. In einer Gesellschaft, die Aktivität belohnt und Ruhe misstrauisch beäugt, kann Wintering sich anfangs unangenehm anfühlen. Doch genau darin liegt die Kraft des Konzepts. Wintering lädt dazu ein, sich diesen Momenten zu stellen, statt sie mit Ablenkung zu überdecken.

Und was passiert nach dem Winter?

Wintering endet nicht abrupt. Es geht nicht darum, am 1. März plötzlich wieder voll durchzustarten. Vielmehr gleitet man langsam in den nächsten Abschnitt – so wie die Natur selbst.

Ideen keimen. Energie kehrt zurück. Pläne entstehen organisch, nicht aus Zwang. Wer gut „gewintert“ hat, muss sich nicht neu erfinden – sondern kann auf etwas zurückgreifen, das im Stillen gewachsen ist.

Bildquellen

  • Wintering: iStockphoto.com/ AleksandarNakic

Empfohlene Artikel

Melde dich für unseren Newsletter an

Keine Sorge, wir spamen dich nicht zu ;) Du bekommst 1-mal jede 2 Wochen die beliebtesten Beiträge und Videos von uns.