Vertraut oder doch ungesund? Warum wir uns zu “falschen” Menschen hingezogen fühlen

Manchmal begegnen wir jemandem und haben sofort das Gefühl: „Irgendwie kenne ich das schon.“ Dieses Gefühl von Vertrautheit kann sich warm und sicher anfühlen – selbst wenn wir es nicht genau erklären können.

Genau hier beginnt ein spannendes Thema: Denn was sich vertraut anfühlt, ist nicht automatisch gesund oder gut für uns. Oft ist es einfach etwas, das wir aus der Vergangenheit kennen. Doch wie merkt man, dass man einer falsche Sicherheit folgt?

Frühe Prägung: Unsere erste „Beziehungs-Software“ zu Menschen

Die ersten Erfahrungen mit Nähe und Beziehung entstehen sehr früh im Leben. Schon als Kinder lernen wir, wie Zuwendung funktioniert, wie Konflikte ablaufen und wie viel Aufmerksamkeit wir bekommen.

Diese Erfahrungen prägen uns stärker, als vielen bewusst ist. Sie bilden so etwas wie ein inneres „Beziehungsprogramm“. Die Forschung rund um die Bindungstheorie zeigt: Unsere frühen Beziehungserfahrungen beeinflussen, wie wir später lieben, vertrauen und reagieren. Dieses Konzept wurde unter anderem durch den Psychologen John Bowlby geprägt. Was wir als Kind erleben, wird also zu einer Art Vorlage. Und diese Vorlage nutzen wir oft unbewusst in späteren Beziehungen weiter.

Bindungsmuster: Warum wir immer wieder ähnliche Menschen wählen

Nicht alle Menschen erleben Beziehungen gleich. Manche fühlen sich schnell sicher, andere eher unsicher oder angespannt. Diese Unterschiede werden oft als Bindungsmuster beschrieben. Sie beeinflussen, wie wir Nähe zulassen oder vermeiden.

Ein sicherer Umgang mit Beziehungen entsteht, wenn wir gelernt haben, dass Nähe stabil und verlässlich ist.
Andere Muster entstehen, wenn Nähe eher mit Unsicherheit, Zurückweisung oder Überforderung verknüpft war.

Ein bekanntes Beispiel aus der Forschung ist die Arbeit von Mary Ainsworth. Sie zeigte, wie unterschiedlich Kinder auf Bezugspersonen reagieren – und wie stark das später nachwirkt.

Im Erwachsenenleben zeigt sich das oft so: Wir fühlen uns zu Menschen hingezogen, die unser gewohntes Gefühl widerspiegeln – selbst wenn es uns stresst.

Falsche Sicherheit: Vertraut heißt nicht gleich gesund

Ein wichtiger Punkt: Vertrautheit wird oft mit Sicherheit verwechselt. Doch diese beiden Dinge sind nicht dasselbe. Etwas kann sich vertraut anfühlen, weil wir es gut kennen – nicht weil es uns guttut. Das gilt besonders für emotionale Muster.

Wenn wir beispielsweise gelernt haben, dass Liebe mit Unsicherheit verbunden ist, dann kann genau diese Unsicherheit später „normal“ wirken. Unser Nervensystem erkennt Muster wieder. Und was es kennt, wird als weniger bedrohlich eingestuft.

Das bedeutet: Auch wenn eine Beziehung nicht stabil oder erfüllend ist, kann sie sich trotzdem „richtig“ anfühlen – einfach, weil sie vertraut ist.

Von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Die Rolle des Selbstwerts

Ein weiterer wichtiger Faktor ist unser Selbstbild. Wie wir über uns selbst denken, beeinflusst stark, wen wir anziehen. Wenn jemand tief in sich glaubt, nicht genug zu sein, dann wird diese innere Überzeugung oft auch in Beziehungen sichtbar.

Wir wählen dann unbewusst Situationen, die dieses Gefühl bestätigen. Nicht aus Absicht – sondern weil es sich bekannt anfühlt. Das kann dazu führen, dass wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, die uns nicht ausreichend wertschätzen oder emotional nicht verfügbar sind.

Das Gute daran: Dieses Muster ist veränderbar. Je mehr wir beginnen, uns selbst anders zu sehen, desto eher verändern sich auch unsere Beziehungserfahrungen.

Beziehungsdynamiken verstehen: Alte Muster wiederholen sich – oft unbewusst

Viele Menschen erleben, dass sich bestimmte Beziehungsthemen immer wiederholen. Ähnliche Konflikte. Ähnliche Dynamiken. Ähnliche Gefühle. Das liegt daran, dass unser Gehirn versucht, bekannte Muster zu verarbeiten. Manchmal steckt dahinter auch der Wunsch, etwas „diesmal richtig zu machen“. Wir hoffen, dass eine ähnliche Situation diesmal besser ausgeht.

Doch ohne bewusstes Erkennen geraten wir oft wieder in dieselben Abläufe. Dieser Kreislauf kann frustrierend sein. Gleichzeitig zeigt er aber auch, dass unser System nach Entwicklung strebt. Wir wollen verstehen, wir wollen lösen – aber oft greifen wir dabei auf das zurück, was wir kennen.

@tiefenverstehen Warum wiederholen sich schädliche Beziehungsmuster, obwohl wir es eigentlich anders wollen? Aus psychodynamischer Sicht ist das selten Zufall. Unbewusste Beziehungserfahrungen prägen, was sich vertraut anfühlt – und Vertrautheit wirkt oft stärker als das, was uns objektiv guttun würde. Der sogenannte neurotische Wiederholungszwang beschreibt genau dieses Dilemma: Wir geraten immer wieder in ähnliche Dynamiken, nicht weil wir leiden wollen, sondern weil ein unbewusster Teil hofft, dass sich eine alte Beziehungserfahrung diesmal anders lösen lässt oder dass ein unerfülltes Bedürfnis endlich erfüllt wird. Was wie Selbstsabotage wirkt, ist häufig ein innerer Lösungsversuch unter vertrauten Bedingungen. Erst wenn Muster verstanden werden, entsteht echte Veränderung. #Beziehungsmuster #beziehungstipps #Bindungsmuster #Paartherapie #bindung ♬ Originalton – tiefenverstehen

Warum das Ganze so schwer zu durchbrechen ist

Alte Muster sitzen tief. Sie sind nicht nur Gedanken – sie sind auch Gefühle, Reaktionen und Körpererinnerungen. Deshalb reicht es oft nicht, einfach „anders zu denken“.
Das Gefühl bleibt trotzdem gleich. Veränderung braucht Zeit. Und vor allem neue Erfahrungen.

Wenn wir beginnen, Beziehungen zu erleben, die sich ruhiger, stabiler und respektvoller anfühlen, kann sich unser inneres Bild langsam verändern.

Doch am Anfang fühlt sich das oft ungewohnt an. Manchmal sogar „falsch“. Genau hier lohnt es sich, genau hinzuschauen: Ist es wirklich falsch – oder einfach nur neu?

Neue Wege: Bewusstsein schafft Veränderung

Der wichtigste Schritt ist, sich selbst besser zu verstehen. Nicht zu bewerten – sondern zu beobachten. Folgende Fragen helfen, Muster sichtbar zu machen:

  • Welche Menschen ziehen mich an?
  • Welche Gefühle tauchen immer wieder auf?
  • Welche Situationen kenne ich schon aus früheren Beziehungen?

Auch der Umgang mit sich selbst spielt eine große Rolle. Mit mehr Selbstmitgefühl wird es leichter, andere Entscheidungen zu treffen.

Und: Gesunde Beziehungen fühlen sich am Anfang oft weniger aufregend an – aber dafür stabiler und klarer. Genau das ist ein gutes Zeichen.

@psychologin_linda Nimm dir Zeit und hab Gesuld mit dir eine neue neuronale Autobahn zu bauen 🥰 Das kann man übrigens auch in anderen Beziehungen üben! In therapeutischen Beziehungen, in Freundschaften – es muss nicht immer direkt die neue Paarbeziehung sein! #beziehung #beziehungstipps #toxischebeziehung #psychologie ♬ A moist healing song – Nez Tunes

Bildquellen

  • Beziehungsmuster erkennen: Delmaine Donson/ istockphoto.com

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