Pandemie, Impfdebatten, „alternative Fakten“ im Dauerloop – gefühlt stand die Wissenschaft in den letzten Jahren ständig im Kreuzfeuer. Auf TikTok wird gefactcheckt, auf Telegram wird gezweifelt, und irgendwo dazwischen posten selbsternannte Expert:innen ihre ganz eigenen Wahrheiten. Kein Wunder, dass man meinen könnte: Das Vertrauen in Medikamente, Studien und Forscherinnen ist längst im Sinkflug. Aber stimmt das wirklich?
78 Prozent sagen Ja zur Wissenschaft
Ein Blick in den Austrian Health Report 2025, durchgeführt vom Institut für empirische Sozialforschung IFES im Auftrag von Sandoz, liefert eine überraschende Antwort.
Mehr als drei Viertel der Bevölkerung – konkret 78 Prozent – glauben an den Fortschritt der medizinischen Wissenschaft. Das ist kein zögerliches „Naja, wird schon passen“, sondern eine deutliche Mehrheit. In einer Zeit, in der Verschwörungserzählungen Klickzahlen generieren und wissenschaftliche Debatten emotional geführt werden, ist das eine bemerkenswerte Botschaft.
Noch deutlicher wird es bei der Grundsatzfrage: Nützt Wissenschaft der Gesellschaft mehr, als sie schadet? 68 Prozent antworten mit Ja. Das ist kein blinder Fortschrittsoptimismus, sondern eher ein pragmatisches Vertrauen: Forschung bringt Probleme mit sich, aber sie löst eben auch viele.
Und vielleicht ist das der entscheidende Punkt. Die Menschen unterscheiden sehr wohl zwischen Kritik und Ablehnung. Man kann Pharmaunternehmen hinterfragen, Nebenwirkungen diskutieren oder politische Entscheidungen kritisieren – und trotzdem an den Wert von Wissenschaft glauben.
Generation Vertrauen – warum die Älteren vorne liegen
Besonders spannend wird es beim Blick auf die Altersgruppen. Entgegen dem Klischee vom technologiefeindlichen Senior zeigen sich ausgerechnet die über 60-Jährigen als die größten Wissenschafts-Fans: 85 Prozent von ihnen stehen der medizinischen Forschung positiv gegenüber.
Warum? Möglicherweise, weil sie den Fortschritt am eigenen Leib erfahren haben. Wer sich noch an Zeiten erinnert, in denen bestimmte Krankheiten ein Todesurteil bedeuteten, weiß, was moderne Medizin leisten kann. Herzoperationen, Krebstherapien, minimalinvasive Eingriffe – vieles, was heute Routine ist, war vor wenigen Jahrzehnten revolutionär.
Die skeptischste Gruppe ist mit 74 Prozent Zustimmung die Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen – also jene Generation, die mitten im Berufs- und Familienleben steht. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade sie im Spannungsfeld zwischen Informationsflut, Social Media und Zeitdruck lebt. Wer täglich mit widersprüchlichen Schlagzeilen konfrontiert ist, entwickelt schneller ein gesundes – oder auch übergesundes – Misstrauen.
Die 16- bis 29-Jährigen liegen mit 75 Prozent ebenfalls etwas unter dem Gesamtschnitt. Auch hier könnte der Einfluss digitaler Medien eine Rolle spielen. Nie war Information so zugänglich – und nie war es so schwierig, zwischen fundierter Evidenz und gut gemachter Desinformation zu unterscheiden.
Bildung macht den Unterschied
Noch deutlicher als das Alter wirkt sich der Bildungsgrad aus. Während 75 Prozent der Befragten ohne Matura der medizinischen Wissenschaft vertrauen, sind es bei Personen mit Matura oder höherem Abschluss stolze 86 Prozent.
Das ist ein Unterschied von elf Prozentpunkten – und er ist bedeutsam. Bildung scheint nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch ein grundlegendes Verständnis für wissenschaftliche Methoden: Hypothesen, Studien, Peer Review, Wahrscheinlichkeiten. Wer weiß, dass Wissenschaft kein starres Dogma, sondern ein Prozess ist, kann mit Unsicherheiten besser umgehen.
Gleichzeitig zeigt die Studie eine interessante Kehrseite: Ein gutes Drittel der Befragten (34 Prozent) gibt an, generell nicht viel von Wissenschaft zu verstehen. Hier liegt eine Herausforderung. Vertrauen basiert nicht nur auf Ergebnissen, sondern auch auf Verständlichkeit. Wenn Menschen das Gefühl haben, etwas nicht zu begreifen, wächst die Distanz.
Männer vertrauen mehr – warum eigentlich?
Auch beim Geschlecht zeigen sich Unterschiede. 81 Prozent der Männer, aber „nur“ 76 Prozent der Frauen geben an, Vertrauen in die Wissenschaft zu haben.
Die Differenz ist nicht riesig, aber sie wirft Fragen auf. Liegt es an unterschiedlichen Informationsquellen? An Erfahrungen im Gesundheitssystem? An gesellschaftlichen Rollenbildern? Die Studie selbst liefert keine detaillierten Ursachenanalysen, doch sie macht deutlich: Vertrauen ist kein monolithischer Block. Es ist vielschichtig und hängt von Lebensrealitäten ab.
Vertrauen in Medikamente – mit Vorbehalt
Wenn es konkret wird, bleibt das Vertrauen hoch. 77 Prozent der Österreicher:innen glauben an die Wirksamkeit von Medikamenten. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar 85 Prozent. Auch hier zeigt sich der Bildungseffekt deutlich: 83 Prozent der Befragten mit Matura vertrauen Medikamenten, bei jenen ohne Matura sind es 74 Prozent.
Doch das Vertrauen ist kein Freifahrtschein. Fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) meint, Medikamente würden oft zu schnell verschrieben. 45 Prozent sorgen sich um mögliche Nebenwirkungen.
Das klingt zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht. Es zeigt vielmehr eine differenzierte Haltung: Ja zur Wirksamkeit, aber nicht unkritisch. Ja zur Medizin, aber mit dem Wunsch nach sorgfältigem Umgang. Vertrauen bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet, an die grundsätzliche Kompetenz zu glauben – bei gleichzeitiger Erwartung von Verantwortung.
Wissenschaft oder Glaube?
Eine weitere Zahl sticht heraus: 22 Prozent der Befragten finden, wir verlassen uns zu sehr auf die Wissenschaft und zu wenig auf den Glauben. Diese Aussage ist vielschichtig interpretierbar. Sie kann Ausdruck religiöser Überzeugungen sein – oder ein allgemeines Unbehagen gegenüber einer zunehmend technisierten Welt.
Interessant ist jedoch, dass diese Haltung nicht automatisch mit genereller Wissenschaftsablehnung einhergeht. Man kann Spiritualität wichtig finden und dennoch medizinischen Fortschritt anerkennen. Die Grenzen verlaufen weniger entlang eines „entweder-oder“, sondern eher entlang persönlicher Weltbilder.
Pandemie, Desinformation – und trotzdem Stabilität
Die vergangenen Jahre hätten durchaus das Potenzial gehabt, das Vertrauen nachhaltig zu erschüttern. Lockdowns, Maskenpflicht, Impfkampagnen – kaum ein Thema wurde so emotional diskutiert wie wissenschaftliche Empfehlungen während der Pandemie. Hinzu kamen digitale Desinformationskampagnen, die gezielt Zweifel säten.
Und doch zeigt der Austrian Health Report eine erstaunliche Stabilität. Das Vertrauen ist nicht eingebrochen. Vielleicht liegt das daran, dass viele Menschen sehr wohl unterscheiden zwischen politischer Umsetzung und wissenschaftlicher Grundlage. Zwischen Fehlern im Krisenmanagement und dem grundsätzlichen Wert von Forschung.
Hier zeigt sich eine gewisse Reife der Gesellschaft: Kritik ja, pauschale Ablehnung nein.
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Der Leistbarkeitsfaktor der Medikamente
Als Auftraggeber des Reports positioniert sich Sandoz klar im Kontext von Zugang zu Medikamenten und Gesundheitsversorgung. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Basel setzt auf Generika und Biosimilars – also auf leistbare Alternativen zu Originalpräparaten. Gerade in Zeiten steigender Gesundheitskosten spielt Vertrauen hier eine zentrale Rolle.
Denn Medikamente wirken nicht nur biochemisch. Sie wirken auch psychologisch. Wer überzeugt ist, dass ein Präparat hilft, nimmt es konsequenter ein. Wer misstraut, bricht Therapien eher ab. Vertrauen ist daher nicht nur ein gesellschaftliches Gut, sondern ein gesundheitliches.
Die leise Botschaft hinter den Zahlen
Was bleibt also von diesen 78 Prozent? Vor allem eines: Die Erzählung vom flächendeckenden Vertrauensverlust greift zu kurz – zumindest in Österreich. Skepsis existiert, Zweifel ebenfalls. Aber sie bewegen sich innerhalb eines Rahmens, der von grundsätzlicher Zustimmung getragen wird.
Die größere Herausforderung scheint weniger im Wiederaufbau von Vertrauen zu liegen, sondern in seiner Pflege. Verständliche Kommunikation, transparente Studien, ehrliche Fehlerkultur – all das entscheidet darüber, ob die 78 Prozent stabil bleiben oder bröckeln.
Denn Vertrauen ist kein statischer Zustand. Es ist ein Prozess. Es entsteht durch Erfahrung, durch Information – und durch Dialog.
Bildquellen
- Vertrauen in Wissenschaft und Medikamente: iStockphoto.com/ skynesher
