Wellness Burnout: Macht Selbstfürsorge uns krank?

Früher bedeutete „sich etwas Gutes tun“, ein heißes Bad, ein Stück Kuchen oder einen freien Nachmittag ohne schlechtes Gewissen. Heute bedeutet es: 10.000 Schritte, acht Stunden Schlaf, Intervallfasten, Journaling, Atemübungen, Yoga, Krafttraining, Proteinaufnahme berechnen, Bildschirmzeit reduzieren. Die permanente Optimierung des Körpers und Geistes, ursprünglich gedacht als Gegenbewegung zu Stress und Leistungsdruck, ist selbst zu einer neuen Leistungsdisziplin geworden. Wellness ist kein Rückzugsort mehr. Wellness ist Arbeit – und damit ein weiter Treiber von Burnout.

Vom Wohlbefinden zum Wettbewerb

Wellness begann einmal als leise Idee. In den 1960er-Jahren sprach man von Prävention, Achtsamkeit, einem ganzheitlichen Blick auf Körper und Seele. Es ging darum, Krankheit vorzubeugen statt sie nur zu reparieren. Doch irgendwo auf dem Weg von Meditationskissen zu Boutique-Fitnessstudios hat sich etwas verschoben.

Heute ist Wellness ein Milliardenmarkt. Er verkauft nicht nur Produkte, sondern ein Versprechen: Wenn du alles richtig machst, wirst du glücklicher, erfolgreicher, schöner, widerstandsfähiger. Und wenn du es nicht bist – dann hast du offenbar nicht genug getan.

Damit wurde Wohlbefinden zu einer messbaren Leistung. Schritte, Kalorien, Schlafphasen, Herzfrequenzvariabilität – alles wird getrackt, analysiert, bewertet.

Der perfekte Alltag

Ein typischer „gesunder“ Tag sieht heute ungefähr so aus: Früh aufstehen, ein Glas Zitronenwasser, vielleicht eine Atemübung. Danach Sport – idealerweise nüchtern. Frühstück? Nur, wenn es ins Ernährungskonzept passt. Arbeit. Zwischendurch Schritte sammeln. Mittags etwas Proteinreiches, Zucker möglichst vermeiden. Abends Yoga oder Mobility. Kein Alkohol, kein Weißmehl, kein schlechtes Gewissen – zumindest theoretisch.

Doch was passiert, wenn dieser Idealplan nicht aufgeht? Wenn der Körper müde ist, der Kopf leer, der Alltag schlicht zu voll? Dann beginnt die innere Abrechnung. Du warst nicht diszipliniert genug. Nicht konsequent. Nicht achtsam genug. Wellness, einst als Akt der Selbstfürsorge gedacht, wird zur moralischen Instanz, die ständig mit dem Finger zeigt.

Genau hier beginnt der Wellness Burnout.

Wenn „gesund“ krank macht

Wellness Burnout kommt leise. In Form von chronischer Erschöpfung, Schlafproblemen, Reizbarkeit. In der Unfähigkeit, wirklich abzuschalten – selbst im Urlaub. In dem Gefühl, nie genug zu tun, obwohl man doch alles richtig macht.

Viele Betroffene berichten von einem paradoxen Zustand: Sie leben „gesund“, fühlen sich aber permanent angespannt. Sport wird nicht mehr als Ausgleich erlebt, sondern als Pflicht. Essen macht keinen Spaß mehr, sondern Stress. Pausen fühlen sich nicht erholsam an, sondern verdächtig – als würde man etwas Wichtiges verpassen.

Ein großes Problem ist: Wellness Burnout tarnt sich gut. Er wird oft nicht als Problem erkannt, sondern als Übergangsphase. „Ich muss einfach dranbleiben.“ „Das gehört zur Transformation.“ „Mein Körper entgiftet gerade.“ Warnsignale werden umgedeutet, ignoriert oder sogar gefeiert.

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Die neue Sprache der Selbstoptimierung

Ein Grund dafür liegt in der Sprache der Wellness-Kultur. Begriffe wie Clean Eating, Disziplin, Durchziehen, kein Excuse suggerieren, dass Gesundheit vor allem eine Frage des Willens sei. Wer scheitert, ist selbst schuld.

Gleichzeitig wird der Körper zunehmend wie eine Maschine betrachtet: optimierbar, steuerbar, hackbar. Biohacking, intermittierendes Fasten, Leistungssteigerung durch Nahrungsergänzungsmittel – all das vermittelt das Gefühl, man müsse nur die richtigen Knöpfe drücken, um perfekt zu funktionieren.

Doch Körper lassen sich nicht beliebig updaten, ohne irgendwann abzustürzen.

Social Media: Wellness als Dauerinszenierung

Instagram und TikTok haben diesen Trend massiv verstärkt. Wellness ist dort nicht nur Lebensstil, sondern Ästhetik. Glänzende Smoothie-Bowls, perfekt gestreckte Yogaposen, makellose Körper in neutralen Farben. Erholung sieht auf Social Media immer mühelos aus – und genau das macht sie so anstrengend.

Denn der Vergleich ist allgegenwärtig. Jemand meditiert länger, trainiert härter, ernährt sich „sauberer“. Selbst Entspannung wird performativ. Wer nicht sichtbar an sich arbeitet, scheint zurückzufallen.

Das Ergebnis: Ein ständiger innerer Druck, mithalten zu müssen.

Warum besonders engagierte Menschen betroffen sind

Wellness Burnout trifft selten Gleichgültige. Er trifft Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die sich kümmern wollen – um ihre Gesundheit, ihre Zukunft, ihr Leben. Menschen mit hohem Anspruch an sich selbst, mit Disziplin, mit dem Wunsch nach Kontrolle.

Gerade in Zeiten von Krisen, Unsicherheit und Beschleunigung wirkt Wellness wie ein Rettungsanker. Wenn schon nicht alles kontrollierbar ist, dann wenigstens der eigene Körper. Doch Kontrolle hat ihren Preis.

Der Körper als Gegner

Ein deutliches Zeichen von Wellness Burnout ist, dass man es verlernt, auf die Signale des Körpers zu hören. Hunger wird misstraut. Müdigkeit wird bekämpft. Schmerz wird ignoriert. Statt zuzuhören, wird optimiert.

Dabei ist der Körper kein Gegner, den man überwinden muss. Er ist ein Kommunikationssystem. Er meldet sich nicht, um uns zu sabotieren, sondern um uns zu schützen. Wer diese Signale dauerhaft übergeht, zahlt irgendwann mit Verletzungen, hormonellen Problemen, psychischer Erschöpfung oder dem völligen Verlust von Freude an Bewegung und Essen.

Gibt es einen Ausweg?

Die gute Nachricht: Wellness Burnout ist kein persönliches Versagen, sondern ein kulturelles Phänomen. Und was kulturell gelernt ist, kann auch verlernt werden.

Ein erster Schritt ist Entschleunigung. Weniger Regeln, mehr Beziehung zum eigenen Körper. Die Frage sollte nicht lauten: „Ist das optimal?“, sondern: „Tut mir das gerade gut?“

Echter Selbstfürsorge ist nicht immer effizient, nicht immer fotogen, nicht immer messbar. Manchmal bedeutet sie, ein Training ausfallen zu lassen. Manchmal bedeutet sie, etwas zu essen, weil es Freude macht. Manchmal bedeutet sie, nichts zu tun – ohne es zu rechtfertigen.

Von Wellness zu Wohlbefinden

Vielleicht ist es an der Zeit, Wellness wieder kleiner zu denken. Weg von universellen Regeln, hin zu individuellen Bedürfnissen. Wohlbefinden ist kein Dauerzustand und kein Ziel, das man abhaken kann. Es ist ein dynamischer Prozess, der sich verändert – mit dem Leben, mit dem Körper, mit den Umständen.

Und vielleicht ist wahre Gesundheit nicht die Fähigkeit, immer weiterzumachen, sondern die Weisheit, rechtzeitig aufzuhören.

Bildquellen

  • Wellness Burnout: iStockphoto.com/ miniseries

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