Ein unerfüllter Kinderwunsch gehört zu den stillsten Krisen unserer Gesellschaft. Viele Menschen tragen ihn jahrelang mit sich, ohne darüber zu sprechen. Sie funktionieren im Alltag, gehen arbeiten, treffen Freund:innen – und leiden im Stillen. Unfruchtbarkeit ist noch immer ein Tabuthema. Dabei ist sie alles andere als selten. Die WHO hat nun erstmals eine weltweite Leitlinie zur Prävention, Diagnose und Behandlung von Unfruchtbarkeit veröffentlicht. Darin stellt sie klar: Unfruchtbarkeit ist eine Krankheit. Und Kinderwunschbehandlungen sind Teil der Gesundheitsversorgung.
Ein weit verbreitetes Problem, über das kaum gesprochen wird
Unfruchtbarkeit betrifft weltweit etwa jede sechste Person im fortpflanzungsfähigen Alter. Das sind Millionen von Menschen. Trotzdem wird das Thema oft verdrängt oder klein geredet. Viele denken noch immer, Unfruchtbarkeit sei ein seltenes Problem oder betreffe nur „ältere Frauen“. Beides ist falsch.
Unfruchtbarkeit kann viele Ursachen haben. Sie kann Frauen und Männer gleichermaßen betreffen. Manchmal gibt es medizinische Gründe, manchmal mehrere gleichzeitig – und manchmal bleibt die Ursache unklar. Was fast alle Betroffenen gemeinsam haben: Sie erleben großen emotionalen Druck.
Oft hören sie gut gemeinte, aber verletzende Sätze wie: „Entspannt euch einfach“, „Das kommt schon noch“ oder „Dann adoptiert doch“. Solche Aussagen zeigen, wie wenig Verständnis es noch immer gibt. Die WHO setzt hier ein wichtiges Zeichen: Unfruchtbarkeit ist kein persönliches Versagen, sondern ein gesundheitliches Problem.
Die Patient:innenorganisation Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich begrüßt diese Leitlinie ausdrücklich. Sie sieht darin eine große Chance, endlich etwas zu verändern. Denn noch immer hängt es in Österreich stark vom Einkommen ab, ob Menschen medizinische Hilfe bei einem unerfüllten Kinderwunsch bekommen – oder nicht.
Hilfe ja – aber nicht für alle
In Österreich gibt es zwar Unterstützung für Kinderwunschbehandlungen, etwa durch den IVF-Fonds. Doch diese Hilfe ist stark eingeschränkt. Es gibt Altersgrenzen, eine begrenzte Anzahl an Behandlungsversuchen und oft hohe Kosten, die selbst bezahlt werden müssen.
Für viele Menschen bedeutet das: Sie müssen lange sparen, Schulden machen oder ganz auf eine Behandlung verzichten. Andere beginnen zu spät, weil sie hoffen, dass es „doch noch von allein klappt“. Doch Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Je früher abgeklärt wird, desto besser sind die Chancen.
„In Österreich hängt der Zugang zu medizinisch unterstützter Fortpflanzung noch immer stark vom Einkommen ab. Das ist weder fair noch zeitgemäß“, sagt Christina Fadler, Obfrau von Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich. Ihrer Meinung nach braucht es dringend ein Umdenken – und genau dazu liefert die WHO-Leitlinie eine klare Grundlage.
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Kinderwunsch ist auch eine seelische Herausforderung
Was oft unterschätzt wird: Ein unerfüllter Kinderwunsch belastet nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Monat für Monat hoffen Betroffene, dass es diesmal klappt. Monat für Monat erleben viele Enttäuschung. Fehlgeschlagene Behandlungen, Fehlgeburten oder lange Wartezeiten können sehr schmerzhaft sein.
Viele Betroffene berichten von Schlafproblemen, Angst, Traurigkeit oder Schuldgefühlen. Beziehungen werden auf die Probe gestellt. Trotzdem ist psychologische Unterstützung in Österreich meist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine private Zusatzleistung.
Die WHO empfiehlt klar, psychische Begleitung als festen Bestandteil von Kinderwunschbehandlungen anzubieten. Auch Die Fruchtbar fordert kostenlose oder zumindest leistbare psychotherapeutische Unterstützung. Denn niemand sollte diesen Weg allein gehen müssen.
Was Die Fruchtbar konkret fordert
Die Forderungen des Vereins sind umfassend, aber gut nachvollziehbar. Sie zielen darauf ab, Kinderwunschbehandlungen gerechter, menschlicher und zugänglicher zu machen. Dazu gehören unter anderem:
- Die Anerkennung von Unfruchtbarkeit als Krankheit nach der Definition der WHO
- Eine Ausweitung des IVF-Fonds, unter anderem durch eine Anhebung der Altersgrenze auf 42 Jahre
- Die Förderung von Inseminationen, die derzeit oft selbst bezahlt werden müssen
- Der Zugang zu assistierter Befruchtung auch für alleinstehende Frauen
- Die Legalisierung der Embryonenspende
- Eine unabhängige Beratungsstelle mit Schwerpunkt Kinderwunsch und Endometriose
- Kostenlose oder leistbare psychologische Begleitung
- Einheitliche Regeln für die Übernahme medizinischer Kosten
- Die Integration des Themas Fruchtbarkeit in Vorsorgeuntersuchungen
- Eine österreichweite Aufklärungskampagne
- Die Einführung eines zentralen Registers und medizinischer Leitlinien
- Eine Ausweitung des Mutterschutzes nach Schwangerschaftsverlust, nach deutschem Vorbild
Es geht nicht um Luxus oder Sonderwünsche, sondern um faire Gesundheitsversorgung.
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Mehr Wissen, weniger Schuldgefühle
Ein besonders wichtiger Punkt ist Aufklärung. Viele Menschen wissen wenig über Fruchtbarkeit, Zyklusgesundheit oder Erkrankungen wie Endometriose. Auch dass Unfruchtbarkeit Männer genauso betreffen kann wie Frauen, ist vielen nicht bewusst.
Die WHO betont: Aufklärung ist ein wichtiger Teil der Prävention. Wer gut informiert ist, kann früher handeln, sich rechtzeitig untersuchen lassen und realistische Entscheidungen treffen. In Österreich wird dieses Potenzial bisher kaum genutzt.
Eine offene, ehrliche Information kann außerdem helfen, Schuldgefühle abzubauen. Denn Unfruchtbarkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist Teil der Realität vieler Menschen.
Ein politischer Auftrag
Die neue WHO-Leitlinie ist mehr als ein medizinisches Dokument. Sie ist ein klarer Auftrag an die Politik. „Die WHO hat den Weg gezeigt – jetzt braucht es in Österreich den politischen Willen, diesen auch zu gehen“, sagt Christina Fadler.
Kinderwunschbehandlungen dürfen nicht länger als private Angelegenheit betrachtet werden. Sie sind Teil der Gesundheitsversorgung – und sollten auch so behandelt werden. Das würde nicht nur Betroffenen helfen, sondern auch langfristig zu mehr Gerechtigkeit und Transparenz führen.
Ein Thema, das uns alle betrifft
Unfruchtbarkeit kann jede und jeden treffen – unabhängig von Lebensstil, Bildung oder Einkommen. Sie ist kein Randthema, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Die WHO hat das klar benannt. Jetzt liegt es an Österreich, daraus Konsequenzen zu ziehen.
Denn am Ende geht es um etwas sehr Grundlegendes: um Gesundheit, Würde und die Möglichkeit, Hilfe zu bekommen, wenn man sie braucht. Und darum, Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch endlich ernst zu nehmen.
Bildquellen
- Kinderwunsch: iStocphoto.com/ ljubaphoto
