Krebsverdacht und Hormonveränderung: Warum uns PFA in Kleidung krank macht und wie man Kinder schützt

Wir ziehen Kleidung an, ohne groß darüber nachzudenken. Sie soll bequem sein, gut aussehen, uns warm oder trocken halten. Vor allem aber vertrauen wir darauf, dass sie uns nicht schadet. Doch genau dieses Vertrauen gerät immer mehr ins Wanken. Denn viele Kleidungsstücke enthalten Chemikalien, die mit Krebs, Hormonstörungen und einem geschwächten Immunsystem in Verbindung gebracht werden. Eine dieser Stoffgruppen heißt PFAS – unsichtbar, geruchlos und dennoch allgegenwärtig.

PFAS stecken nicht nur in Industrieanlagen oder Spezialprodukten. Sie sind längst in unserem Alltag angekommen. In Jacken, Hosen, Sportkleidung – oft direkt auf unserer Haut. Und das macht sie so problematisch.

PFAS – die „Ewigkeitschemikalien“, über die kaum jemand spricht

PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich eine riesige Gruppe von mehreren tausend künstlich hergestellten Chemikalien. Sie haben eine besondere Eigenschaft: Sie sind extrem stabil. Wasser, Fett, Hitze oder Reibung können ihnen kaum etwas anhaben. Genau das macht sie für die Industrie so attraktiv.

In der Textilbranche werden PFAS eingesetzt, um Stoffe wasserabweisend, schmutzresistent oder fleckgeschützt zu machen. Besonders häufig finden sie sich in Outdoor- und Funktionskleidung, aber auch in ganz normaler Alltagsmode. Das Problem dabei: Diese Stoffe kommen in der Natur nicht vor – und sie werden dort auch nicht abgebaut.

PFAS bleiben. Jahrzehntelang. In Böden, in Gewässern, in Tieren – und im menschlichen Körper. Deshalb spricht man oft von „Ewigkeitschemikalien“. Ein Begriff, der harmlos klingt, aber eine unangenehme Wahrheit beschreibt.

Was viele nicht wissen: PFAS sind nicht fest im Stoff eingeschlossen. Sie können sich lösen – beim Tragen, beim Waschen, durch Reibung. Winzige Mengen reichen aus, um in den Hausstaub zu gelangen oder über die Haut aufgenommen zu werden. Die Haut ist nämlich kein undurchlässiger Schutzschild, sondern erstaunlich aufnahmefähig, besonders bei Wärme und Schweiß.

Was PFAS im Körper anrichten – und warum Krebs ein echtes Risiko ist

Lange galten PFAS als unproblematisch. Doch diese Einschätzung hat sich grundlegend geändert. Inzwischen gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass diese Stoffe tief in unseren Körper eingreifen.

Eine der bekanntesten Untersuchungen ist das C8 Health Project aus den USA. In dieser groß angelegten Studie wurden über 70.000 Menschen untersucht, die über Jahre hinweg PFAS-belastetes Trinkwasser konsumiert hatten. Die Ergebnisse waren eindeutig: Bestimmte PFAS stehen in Zusammenhang mit Nierenkrebs und Hodenkrebs. Zusätzlich fanden die Forschenden erhöhte Risiken für Lebererkrankungen, Schilddrüsenprobleme, Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte.

Was PFAS besonders gefährlich macht, ist ihre Fähigkeit zur Anreicherung im Körper. Sie werden kaum ausgeschieden. Manche Verbindungen bleiben mehrere Jahre im Blut, selbst wenn der Kontakt längst reduziert wurde. Das bedeutet: Es geht nicht um einen einzelnen Pullover oder eine Jacke, sondern um eine dauerhafte Belastung über viele Jahre.

Eine weitere wichtige Studie stammt von der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Sie untersuchte den Einfluss von PFAS auf das Hormon- und Immunsystem. Die Forschenden fanden heraus, dass PFAS als sogenannte endokrine Disruptoren wirken. Sie bringen das Hormonsystem durcheinander – mit Folgen für Fruchtbarkeit, Schilddrüsenfunktion und die Entwicklung von Babys.

Kinder besonders schützen – warum es hier zählt

Kinder sind empfindlicher gegenüber Chemikalien. Ihr Körper entwickelt sich noch, ihr Hormonsystem ist sensibel, ihr Immunsystem im Aufbau. Gleichzeitig kommen sie intensiv mit Kleidung in Kontakt: Sie spielen, krabbeln, schwitzen, nehmen Stoffe in den Mund.

Besonders beunruhigend: Kinder mit hoher PFAS-Belastung bildeten nach Impfungen weniger Antikörper. Das Immunsystem reagierte schwächer. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass PFAS nicht nur langfristig, sondern ganz konkret und messbar grundlegende Körperfunktionen beeinträchtigen.

Studien zeigen auch Zusammenhänge zwischen PFAS-Belastung und Entwicklungsstörungen, hormonellen Veränderungen und einer geschwächten Immunantwort bei Kindern. Deshalb gilt hier besonders: Weniger Funktion, mehr Gesundheit.

Kleidung als unterschätzte Quelle – warum der Hautkontakt entscheidend ist

Wenn es um Schadstoffe geht, denken viele an Plastik, Pestizide oder Abgase. Kleidung taucht selten auf dieser Liste auf. Dabei ist der Kontakt hier besonders intensiv. Wir tragen Textilien stundenlang, oft direkt auf der Haut. Wir schwitzen darin, schlafen darin, bewegen uns darin.

Eine Studie aus dem Jahr 2024 hat genau diesen Aspekt untersucht. Die Forschenden wollten wissen, ob PFAS aus Textilien tatsächlich über die Haut in den Körper gelangen können. Das Ergebnis: Ja – und zwar messbar. Vor allem bei Wärme, Bewegung und Schweiß lösen sich PFAS aus den Stoffen und werden über die Haut aufgenommen.

Besonders wichtig ist eine Erkenntnis: Nicht die einmalige hohe Belastung ist entscheidend, sondern langes, regelmäßiges Tragen. Ein Kleidungsstück, das man oft und lange trägt, kann somit relevanter sein als ein selten genutztes Teil. Das macht Alltagskleidung besonders problematisch – vor allem dann, wenn sie funktional beschichtet ist.

@greenpeace.de So trendy, so billig und so viel Auswahl – was soll da schon schiefgehen? Leider eine ganze Menge. ☠️ Denn zu vielen Shein-Produkten gibt es gefährliche Schadstoffe gratis dazu. Dazu zählen die „Ewigkeitschemikalien” #PFAS, die sich in Umwelt und Tieren zu schädlichen Konzentrationen anreichern können, hormonverändernde Phthalate und das krebserregende Schwermetall Cadmium, die über den gesetzlichen EU-Grenzwerten liegen. 🧑‍🔬Wir haben 56 Kleidungsstücke von #Shein im unabhängigen Labor untersuchen lassen. Die erschreckenden Ergebnisse gibt es jetzt im neuen „Schäm dich, Shein”-Schadstoffreport auf greenpeace.de. 🫵 Teile das Video mit deinen Freund:innen, und wenn du magst, unterschreib unsere Petition für ein Anti-Fast-Fashion-Gesetz! Denn es darf nicht mehr möglich sein, so hoch schadstoffbelastete Kleidung kaufen zu können. Der Petitionslink ist in unserer Bio ✌️#stopfastfashion ♬ Originalton – Greenpeace Deutschland

PFAS erkennen: Worauf man beim Kauf achten kann

Das Ärgerliche an PFAS ist: Sie sind selten klar gekennzeichnet. Kaum ein Etikett verrät offen, welche Chemikalien tatsächlich im Stoff stecken. Trotzdem gibt es Hinweise, die helfen können.

Ein wichtiges Warnsignal sind Funktionsversprechen. Begriffe wie:

  • wasserabweisend
  • schmutzresistent
  • fleckgeschützt
  • ölabweisend
  • Easy-Clean
  • DWR-Beschichtung

deuten häufig auf PFAS hin – besonders dann, wenn es sich um Alltagskleidung handelt, die diese Eigenschaften eigentlich gar nicht braucht.

Auch stark beschichtete, sehr glatte oder „plastikartige“ Stoffe sind oft chemisch behandelt. Ein chemischer Geruch bei neuen Kleidungsstücken kann ebenfalls ein Hinweis sein – kein Beweis, aber ein Grund, skeptisch zu werden.

Welche Siegel helfen – und wo ihre Grenzen liegen

Zertifikate können Orientierung geben, ersetzen aber kein kritisches Mitdenken.

  • GOTS (Global Organic Textile Standard) gilt als einer der strengsten Standards. PFAS sind dort grundsätzlich verboten. Für Alltagskleidung ist GOTS eine der sichersten Optionen.
  • Bluesign schließt viele gefährliche Chemikalien aus, darunter zahlreiche PFAS. Allerdings erlaubt der Standard unter bestimmten Bedingungen noch einzelne fluorierte Stoffe.
  • OEKO-TEX Standard 100 ist weit verbreitet, aber weniger streng. PFAS sind hier nicht vollständig ausgeschlossen, sondern lediglich begrenzt.

Wichtig zu wissen: Kein Siegel ist perfekt, aber sie sind besser als blindes Vertrauen in Werbeversprechen.

PFAS vermeiden – realistisch statt radikal

Niemand muss seinen Kleiderschrank wegwerfen. PFAS-Vermeidung funktioniert am besten schrittweise.

Besonders sinnvoll ist Verzicht bei:

  • Alltagskleidung
  • Kinder- und Babykleidung
  • Unterwäsche
  • Schlafkleidung

Hier bringen wasser- oder schmutzabweisende Eigenschaften kaum Nutzen, der Hautkontakt ist aber intensiv.

Bei Outdoor- und Sportkleidung lohnt es sich, gezielt nach PFAS-freien Alternativen zu suchen. Viele Hersteller kennzeichnen inzwischen freiwillig „PFAS-frei“ oder „PFC-frei“. Das ist kein perfekter Schutz, aber ein gutes Zeichen für mehr Transparenz.

Auch Secondhand-Kleidung kann helfen. Häufiges Waschen reduziert zumindest einen Teil der auswaschbaren Chemikalien.

@greenpeaceatWir haben 11 Jacken der stark beworbenen „Iconic Puffer”-Linie von C&A auf PFAS untersuchen lassen – in 9 von 11 Jacken (82 %) wurden PFAS gefunden. Insgesamt wurden drei verschiedene PFAS gefunden – die drei Fluortelomere 6:2-FTOH, 8:2-FTOH und 10:2-FTOH. Nur in zwei Jacken wurden keine PFAS nachgewiesen. Drei Jacken überschreiten EU-Grenzwerte für bestimmte PFAS, eine davon sogar um das 16-Fache. Dabei handelt es sich um bereits verbotene, langkettige PFAS, die sich in Umwelt und Körper anreichern können. Diese Jacken dürfen aus Greenpeace-Sicht in der EU und Osterreich nicht verkauft werden. Die Ergebnisse zeigen: Konsument:innen wurden unzureichend geschützt und mit potenziell gesundheits-und umweltschädlichen Chemikalien konfrontiert. Wir fordern, dass c&a die betroffenen Jacken sofort zurückruft und eine unkomplizierte Rückgabe in allen Filialen ermöglicht – auch ohne Kassenbeleg und mit voller Rückerstattung. Österreich muss ein umfassendes PFAS-Verbot unterstützen und national umsetzen, insbesondere für Kleidung und Schuhe, ohne Ausnahmen oder Verwässerungen auf EU-Ebene.♬ Originalton – Greenpeace Österreich

PFAS verschwinden nicht von allein – aber Wissen hilft

PFAS sind ein Paradebeispiel dafür, wie lange sich problematische Stoffe unbemerkt im Alltag halten können. Sie wirken nicht sofort. Sie wirken leise, über Jahre hinweg. Genau das macht sie so gefährlich.

Die gute Nachricht: Das Thema wird sichtbarer. Forschung, öffentlicher Druck und politische Initiativen nehmen zu. Und auch wenn wir PFAS nicht vollständig vermeiden können – jede bewusste Entscheidung reduziert die Belastung.

Kleidung ist etwas Persönliches. Sie liegt auf unserer Haut, begleitet uns täglich. Sie sollte uns schützen – nicht krank machen. Deshalb gilt: gut informieren, keine Billigware kaufen und besonders auf die Kleinsten von uns achten.

Bildquellen

  • PFA in Kleidung: Nikola Stojadinovic/ iStockphoto.com

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