Mythos oder Wahrheit: Wird man wegen der Kälte krank?

„Zieh dich warm an, sonst erkältest du dich!“ — dieser Satz gehört für viele zum Winter wie Schnee und Glühwein. Doch was ist wirklich dran an der alten Weisheit? Kann Kälte direkt Erkältungen, Grippe oder andere Infektionen auslösen oder handelt es sich um einen hartnäckige “Fake News”?

Was ist eigentlich eine Erkältung — und was verursacht sie wirklich?

Der Begriff „Erkältung“ suggeriert, dass Kälte die Krankheit verursacht — doch medizinisch gesehen ist das nicht korrekt. Erkältungen werden ausschließlich durch Viren ausgelöst, insbesondere durch sogenannte Rhinoviren (etwa 40 % der Fälle) und Coronaviren (mittlerweile ca. 25 %) sowie andere Erreger.

Diese Viren gelangen — meist durch Tröpfcheninfektion — in die Atemwege, wo sie sich in Nasen- und Rachenschleimhäuten vermehren. Symptome wie Schnupfen, Husten oder Halsschmerzen sind die Folge, nicht die Kälte selbst.

Warum die Erkältungssaison meist im Herbst und Winter liegt

Trotzdem erleben viele Menschen im Winter vermehrt Krankheiten. Die Ursachen dafür sind multifaktoriell:

  • Mehr Zeit in Innenräumen

Bei niedrigen Temperaturen verbringen Menschen mehr Zeit in geheizten, schlecht belüfteten Räumen. Dort können sich Viren leichter verteilen, da Aerosole nicht so schnell zerstreut werden.

  • Trockene Luft trocknet die Schleimhäute aus

Kalte Außenluft und warme, trockene Innenluft führen zu trockenen Schleimhäuten in Nase und Rachen. Dadurch verringert sich die erste Abwehrbarriere gegen Viren.

  • Saisonale Faktoren

Im Winter sinkt die Sonnenexposition, was zu geringeren Vitamin-D-Werten im Blut führen kann — ein wichtiger Faktor für ein funktionsfähiges Immunsystem.

Ergebnis: Diese indirekten Faktoren begünstigen eher die Übertragung und Vermehrung von Viren — aber nicht Kälte als Ursache selbst.

Der direkte Einfluss von Kälte auf das Immunsystem

Die spannende Frage ist: Beeinflusst niedrige Temperatur direkt die körpereigene Abwehr? Die Antwort ist komplex und interessiert vor allem Wissenschaftler:innen weltweit.

  • Neuere Forschung — Immunsystem in der Nase

Eine Studie der Harvard Medical School zeigt, dass gewisse lokale Immunreaktionen in der Nasenschleimhaut bei niedrigeren Temperaturen abgeschwächt werden können. In dieser Studie reduzierte die Kälte die Aktivität sogenannter extrazellulärer Vesikel (EVs), die normalerweise zur Abwehr von Viren beitragen.

Das bedeutet also: Wenn die Temperatur in der Nase sinkt, kann die lokale Immunantwort schwächer werden — wodurch Viren leichter in den Körper eindringen können.

  • Tierexperimentelle Daten

In Laborversuchen mit Mäusen wurde entdeckt, dass kältere Bedingungen die antivirale Immunantwort der Atemwegsschleimhaut schwächen, was zu einer leichteren Virusvermehrung führen kann.

  • Insgesamt keine eindeutigen Beweise

Es gibt jedoch Studien, die keinen klaren Zusammenhang zwischen Kälteexposition und höherer Infektionsrate finden, wenn man nur die Temperatur betrachtet und den direkten Erregerkontakt kontrolliert.

Frische Luft und Sonnenschein können sogar bei sehr kalten Temperaturen Wunder wirken. Warm einpacken und rausgehen ist also die Devise. © iStockphoto.com/  AleksandarNakic

Weitere gesundheitliche Auswirkungen von Kälte

Auch wenn Kälte nicht direkt Erkältungen verursacht, kann sie das Risiko für andere gesundheitliche Probleme erhöhen:

Atemwegssymptome bei chronischen Krankheiten

Studien zeigen, dass Menschen mit Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) im Winter häufiger über Atemnot, Husten oder Verschlechterung ihrer Symptome berichten.

Physiologische Reaktionen

Kalte Luft kann die Atemwege verengen und die Durchblutung der Schleimhäute reduzieren. Dies kann die lokale Abwehr gegen Krankheitserreger weiter schwächen.

Kälte als Stressor

Längere Exposition gegenüber Kälte kann den Körper belasten, indem er mehr Energie auf die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur verwendet. Dies kann kurzfristig die Fähigkeit des Immunsystems beeinträchtigen, wie Studien bestätigen.

Realität vs. Mythos: Was sagt die Wissenschaft?

Der Glaube, dass allein durch Frieren eine Erkältung oder Grippe entsteht, ist wissenschaftlich nicht belegt. Zahlreiche Kontrollstudien konnten keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen bloßer Kälteexposition und tatsächlichen Infektionen nachweisen.

Kälte kann zwar beeinflussen, wie gut bestimmte lokale Immunprozesse funktionieren — vor allem in der Nase und den oberen Atemwegen. Virale Erreger sind jedoch immer die unmittelbare Ursache einer Erkältung oder Grippe.

Kälte als Schuldiger für ständige Infekte? © iStockphoto.com/ Maryviolet

Wie du dich wirklich vor Erkältungen schützt

Wenn Kälte also nicht der eigentliche Bösewicht ist — was schützt dann wirklich vor Erkältungen und Grippe? Hier sind wissenschaftlich fundierte Tipps:

Hygiene ist entscheidend: Regelmäßiges Händewaschen reduziert nachweislich die Übertragung von Erregern.

Vitamin-D-Spiegel im Blick behalten: Da im Winter häufig weniger Sonnenlicht verfügbar ist, kann ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel das Immunsystem unterstützen.

Frische Luft und gute Belüftung: Auch im Winter sollten Innenräume regelmäßig gelüftet werden — das reduziert nachweislich die Konzentration virushaltiger Aerosole.

Bewegung und Schlaf: Regelmäßiger, nicht exzessiver Sport und ausreichender Schlaf unterstützen die Abwehrkräfte des Körpers.

Mit Kälte intelligent umgehen: Auch wenn Kälte allein nicht krank macht, kann sie durch Unterkühlung oder Belastung des Körpers in Kombination mit Infektionserregern den Weg für Krankheit ebnen — warme Kleidung und Kopfbedeckung helfen, unnötigen Stress zu vermeiden.

Mythos widerlegt — aber Wahrheit steckt drin

Nein, Kälte macht nicht direkt krank.
Ja, Kälte kann Bedingungen schaffen, die Infektionen wahrscheinlicher machen.

Die Wissenschaft zeigt, dass Erkältungen und Grippe Viren sind – und dass diese am ehesten durch Übertragung von Mensch zu Mensch entstehen. Gleichzeitig gibt es solide Belege dafür, dass niedrige Temperaturen und trockene Luft lokale Immunprozesse beeinträchtigen und so die Barrieren für Infektionen senken können.

Wenn du dich also fragst, ob du dir am nächsten Winterspaziergang eine Erkältung einfängst — die ehrliche Antwort lautet: Nicht wegen der Kälte allein — sondern eher weil du vielleicht einen Erreger triffst, wenn dein Immunsystem gerade etwas angeschlagen ist.

Bildquellen

  • Kälte als Krankmacher?: South_agency/ iStockphoto.com

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