Viele verbinden eine Krebsdiagnose mit grauen Haaren, Pension und jahrzehntelangem Rauchen oder Arbeiten unter schwierigen Bedingungen. Doch dieses Bild stimmt immer weniger. Weltweit zeigen neue Zahlen: Immer mehr Menschen erkranken bereits vor ihrem 50. Geburtstag an Krebs. Besonders betroffen sind Erwachsene zwischen 30 und 49 Jahren – also Menschen mitten im Berufsleben, oft mit kleinen Kindern und großen Zukunftsplänen. Was bedeutet das für Prävention, Vorsorge und unseren Alltag?
Ein Trend, der sich nicht mehr übersehen lässt
Internationale Studien zeigen seit Jahren denselben Trend: Krebs tritt bei jüngeren Erwachsenen immer häufiger auf. Das betrifft vor allem bestimmte Krebsarten wie Darmkrebs, Brustkrebs, Magenkrebs, Krebs der Bauchspeicheldrüse und Leberkrebs. Diese Erkrankungen galten früher als typisch für ältere Menschen – heute werden sie zunehmend bei unter 50-Jährigen diagnostiziert.
Auch in Österreich ist diese Entwicklung klar sichtbar. Zwischen 1996 und 2020 wurden mehr als 56.000 Krebsfälle bei jungen Erwachsenen gezählt. Fast jede zweite dieser Diagnosen betraf Brustkrebs. Danach folgten Darmkrebs und Lungenkrebs. Fachleute sind sich einig: Diese Zahlen sind kein Zufall, sondern Ausdruck tiefgreifender Veränderungen in unserer Lebensweise.
Der moderne Lebensstil – bequem, aber riskant
Ein zentraler Grund für den Anstieg liegt im heutigen Lebensstil. Unser Alltag ist bequemer geworden, aber oft auch ungesünder. Viele Menschen bewegen sich zu wenig, sitzen stundenlang vor Bildschirmen und greifen häufig zu stark verarbeiteten Lebensmitteln. Fertiggerichte, Snacks, süße Getränke und Fast Food sind billig, schnell verfügbar und überall präsent.
Solche sogenannten ultra-verarbeiteten Lebensmittel enthalten oft viel Zucker, Fett und Salz, aber kaum Ballaststoffe oder wertvolle Nährstoffe. Studien zeigen, dass sie Entzündungen im Körper fördern können – ein Zustand, der das Krebsrisiko erhöht. Besonders für den Darm scheint diese Ernährung problematisch zu sein.
Hinzu kommt Übergewicht, das bereits bei Kindern und Jugendlichen zunimmt. Übergewicht ist längst nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor für mehrere Krebsarten. Auch Alkohol spielt eine größere Rolle, als vielen bewusst ist. Schon geringe Mengen können das Risiko für bestimmte Tumore erhöhen.
Antibiotika, Darm und Immunsystem
Ein weiterer möglicher Einflussfaktor ist der häufige Einsatz von Antibiotika, vor allem in jungen Jahren. Antibiotika retten Leben, doch sie verändern auch die Zusammensetzung der Darmbakterien. Diese Bakterien sind wichtig für das Immunsystem und den Stoffwechsel.
Forschende vermuten, dass ein gestörtes Mikrobiom langfristig das Krebsrisiko beeinflussen kann. Noch sind viele Fragen offen, doch klar ist: Was in jungen Jahren im Körper passiert, kann Jahrzehnte später Folgen haben.
Unsichtbare Gefahren aus der Umwelt
Neben Ernährung und Bewegung rücken auch Umweltfaktoren stärker in den Fokus. Bestimmte Chemikalien, die unseren Hormonhaushalt beeinflussen können, sind heute weit verbreitet. Sie stecken zum Beispiel in Kunststoffen, Pestiziden oder Pflegeprodukten. Diese Stoffe wirken oft unbemerkt und über lange Zeit.
Vor allem in sensiblen Lebensphasen – etwa in der Kindheit oder während der Pubertät – könnten sie das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen. Die Forschung dazu ist komplex, aber der Verdacht wächst, dass Umweltbelastungen eine größere Rolle spielen als bisher angenommen.
Darmkrebs: Vorsorge beginnt früher
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel beim Darmkrebs. Lange Zeit galt er als Erkrankung der über 60-Jährigen. Heute werden immer öfter Menschen in ihren 30ern oder 40ern diagnostiziert. Deshalb haben Expertinnen und Experten die Vorsorgeempfehlungen angepasst.
In vielen Ländern wird Darmkrebsvorsorge nun früher angeboten. Ziel ist es, Vorstufen zu entdecken, bevor sie gefährlich werden. Denn Darmkrebs ist oft gut behandelbar, wenn er rechtzeitig erkannt wird. Viele junge Menschen nehmen Vorsorge jedoch noch nicht ernst – oft, weil sie sich zu gesund oder zu jung fühlen.
Wenn Krebs in der Familie liegt
Nicht alle Krebsarten lassen sich durch Lebensstil erklären. In manchen Familien tritt Krebs gehäuft auf. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Vererbung. Besonders bekannt ist dieser Zusammenhang beim Brustkrebs.
Frauen mit bestimmten genetischen Veränderungen, etwa in den sogenannten BRCA-Genen, haben ein deutlich höheres Risiko, früh an Brustkrebs zu erkranken. Oft tritt die Krankheit bei ihnen 15 bis 20 Jahre früher auf als bei Frauen ohne diese Veranlagung.
Wer mehrere Krebsfälle in der Familie hat, sollte das ernst nehmen. Eine genetische Beratung kann helfen, das persönliche Risiko besser einzuschätzen. Moderne Tests können heute viele relevante Gene untersuchen. Auf dieser Basis lassen sich individuelle Vorsorgepläne erstellen, die Leben retten können.
HPV: Eine Infektion mit Folgen
Ein oft unterschätzter Faktor ist das Humane Papillomavirus, kurz HPV. Dieses Virus ist sehr weit verbreitet und wird meist beim Sex übertragen. Viele Menschen infizieren sich bereits in jungen Jahren, oft ohne es zu merken.
Bestimmte HPV-Typen können Jahre später Krebs auslösen. Neben Gebärmutterhalskrebs betrifft das zunehmend auch Tumoren im Rachenraum, etwa an den Mandeln. Diese Krebsarten nehmen seit Jahren stark zu – besonders bei Männern.
HPV-bedingte Tumoren unterscheiden sich von Krebsarten, die durch Rauchen oder Alkohol entstehen. Sie sprechen oft besser auf Therapien an. Dennoch wäre es besser, wenn sie gar nicht erst entstehen würden.
Impfen kann schützen
Die gute Nachricht: Gegen HPV gibt es eine sehr wirksame Impfung. Sie schützt vor den wichtigsten Virustypen, die Krebs verursachen können. Am besten wirkt sie vor dem ersten sexuellen Kontakt, doch auch junge Erwachsene profitieren noch davon.
Trotzdem sind die Impfquoten vielerorts niedrig. Oft fehlt Wissen, manchmal gibt es unbegründete Ängste. Dabei könnten viele Krebsfälle verhindert werden – bei Frauen und Männern gleichermaßen. Fachleute betonen daher, wie wichtig Aufklärung und niederschwellige Impfangebote sind.
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Warum wir mehr Forschung brauchen
Trotz vieler Erkenntnisse bleiben große Fragen offen. Warum sind gerade bestimmte Krebsarten bei jungen Menschen auf dem Vormarsch? Wie wirken Ernährung, Umwelt, Gene und Infektionen zusammen? Und warum erkranken manche Menschen trotz gesunder Lebensweise?
Um diese Fragen zu beantworten, braucht es langfristige Forschung. Studien, die Menschen über Jahrzehnte begleiten, sind besonders wertvoll. Sie helfen zu verstehen, wie frühe Einflüsse später zu Krankheiten führen können.
Was jede und jeder selbst tun kann
Auch wenn nicht alles in unserer Hand liegt, gibt es einiges, das jede und jeder tun kann. Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein bewusster Umgang mit Alkohol sind wichtige Schritte. Nicht zu rauchen ist einer der größten Beiträge zur Krebsprävention.
Ebenso wichtig ist es, Vorsorgeangebote wahrzunehmen und Warnsignale ernst zu nehmen. Anhaltende Beschwerden sollten abgeklärt werden – unabhängig vom Alter. Wer familiär vorbelastet ist, sollte das Gespräch mit Fachärztinnen und Fachärzten suchen.
Bildquellen
- Krebs junge Menschen: iStockphoto.com/ Anchiy
