Allergien bei Kindern: Diese Symptome sollten Eltern ernst nehmen

Die ersten warmen Sonnenstrahlen, blühende Bäume und das Gefühl, endlich wieder mehr Zeit draußen verbringen zu können – für viele Familien ist der Frühling eine der schönsten Jahreszeiten. Für manche Kinder beginnt genau jetzt aber die anstrengendste Zeit des Jahres – die Hochsaison der Allergien. Dr. Katharina Medek, Oberärztin an der Universitätsklinik für Dermatologie und Allergologie in Salzburg, erklärt, warum Eltern selbst „ein bisschen Schnupfen“ und juckende Augen ernst nehmen und genauer hinschauen sollten.

Wenn die Veranlagung schon in der Familie liegt

Ein entscheidender Faktor für Allergien ist die genetische Veranlagung. Kinder, deren Eltern bereits betroffen sind, tragen ein deutlich höheres Risiko. Gleichzeitig beginnen Allergien oft schleichend und werden im Alltag leicht übersehen.

„Liegt eben solch eine familiäre Prädisposition vor, sollte auf immer wiederkehrenden Schnupfen, juckende Augen bzw. Augenentzündungen oder gar Atemprobleme und/oder trockene Haut, Ausschläge und damit einhergehender Juckreiz geachtet werden“, erklärt die Allergologin.

Gerade weil diese Beschwerden so alltäglich wirken, werden sie häufig unterschätzt oder als harmlose Erkältung fehlinterpretiert.

Die trügerische Hoffnung auf Selbstheilung

Viele Eltern warten zunächst ab – oft in der Hoffnung, dass sich die Situation von selbst verbessert. Dieses Abwarten kann jedoch dazu führen, dass wertvolle Zeit verloren geht.

„Allergien sind ein dynamischer Prozess. So können sie mit der Zeit schwächer werden oder auch ganz verschwinden, allerdings auch wiederauftreten nach einer symptomfreien Zeit“, so die Expertin. Dass Symptome kommen und gehen, macht es schwer, die Erkrankung richtig einzuordnen – und verleitet dazu, sie nicht konsequent zu behandeln.

„Prinzipiell sollte sich niemand darauf verlassen, dass Heuschnupfen und Co. von selbst wieder verschwinden.“ Eine frühzeitige Abklärung ist daher entscheidend, um den Verlauf positiv zu beeinflussen.

Wenn aus Heuschnupfen Asthma wird

Ein besonders kritischer Punkt ist der sogenannte „Etagenwechsel“. Dabei verlagert sich die allergische Reaktion in tiefere Bereiche der Atemwege.

„Wenn die typischen Heuschnupfen-Symptome von den Augen und der Nase eine Etage hinunterwandern, sprich in die Lunge, sprechen wir vom sogenannten ‚Etagenwechsel‘, welchen es tunlichst zu verhindern gilt“, erklärt Medek.

Bleibt dieser Prozess unbehandelt, kann sich daraus eine chronische Atemwegserkrankung entwickeln. Das Risiko dafür ist keineswegs gering und betrifft einen relevanten Teil der betroffenen Kinder.

Warum Medikamente allein nicht ausreichen

Akute Beschwerden lassen sich oft gut mit Medikamenten lindern. Diese greifen jedoch nur an der Oberfläche ein und verändern nicht die zugrunde liegende Reaktion des Immunsystems. Die kurzfristige Erleichterung kann dabei trügerisch sein, weil sie den Eindruck vermittelt, die Situation sei unter Kontrolle.

„Lässt die Wirkung der Medikamente nach, sind die Symptome wieder zu spüren“, beschreibt Medek. Ohne weiterführende Behandlung bleibt die Ursache bestehen – und damit auch das Risiko einer Verschlechterung.

Der Alltag als unterschätzte Belastung

Ein großer Teil der Pollenbelastung entsteht nicht nur draußen, sondern setzt sich im Alltag fort. Allergene gelangen über Kleidung, Haare und Gegenstände in Innenräume und bleiben dort oft lange erhalten. „Pollen haften stark an Textilien, insbesondere an weichen Stoffen wie Wolle oder Baumwolle. Haare sind wie Tierfell ebenso hervorragende Pollenfänger“, betont die Expertin.

So wird selbst das eigene Zuhause, insbesondere das Schlafzimmer, zu einem Ort, an dem die Belastung weiterwirkt. Durch gezielte Maßnahmen im Alltag lässt sich dieser Effekt jedoch deutlich reduzieren.

„Stoßlüften kann die Belastung im Raum um etwa zwei Drittel reduzieren im Vergleich zu dauerhaft geöffneten Fenstern.“

Warum gerade Birkenpollen so problematisch sind

Nicht alle Pollen lösen gleich starke Reaktionen aus. Einige Pflanzen haben eine besonders hohe allergene Wirkung und treten zudem in großer Menge auf.

„Birkenpollen enthalten ein sehr starkes Hauptallergen, das sogenannte Bet v1.“ Diese Kombination aus hoher Aggressivität und großer Verbreitung führt dazu, dass viele Betroffene besonders intensiv reagieren. Zusätzlich kann das Immunsystem auf ähnliche Strukturen in Lebensmitteln reagieren.

„Beim Verzehr von zum Beispiel rohem Apfel, Nüssen, Karotte, Sellerie … kann es zu Juckreiz und Schwellungen im Mund-Rachenraum kommen.“ Damit erweitert sich die Allergie über die Pollen hinaus auch auf den Ernährungsbereich.

Wenn Allergien komplex werden

Bei manchen Kindern bleibt es nicht bei einer einzelnen Allergie. Mehrere Auslöser gleichzeitig erhöhen die Komplexität der Erkrankung deutlich. „Bei Menschen mit atopischer Veranlagung und mehreren Allergien … kann es schwerer sein, die Allergien zu behandeln“, so die Allergologin.

In solchen Fällen ist eine individuelle und gut abgestimmte Therapie besonders wichtig, da Standardlösungen oft nicht ausreichen.

Eine Therapie, die an der Ursache ansetzt

Neben der Behandlung einzelner Symptome gibt es Ansätze, die langfristig auf das Immunsystem einwirken. Ziel ist es, die übersteigerte Reaktion schrittweise zu regulieren.

„Dadurch ‚lernt‘ das Immunsystem Schritt für Schritt, dass diese Stoffe keine Gefahr darstellen.“ Dieser Lernprozess erfolgt über einen längeren Zeitraum und erfordert Geduld sowie konsequente Durchführung. „Viele Patient:innen bemerken erste Verbesserungen bereits in der ersten Pollensaison nach Beginn der Behandlung.“

Mit fortschreitender Dauer verstärken sich die positiven Effekte. „Eine klar spürbare Verbesserung tritt bei vielen Patienten nach 1-2 Jahren auf.“

spezifische Immuntherapie bei Kinden ©KURT HOERBST

Warum Kinder besonders gute Chancen haben

Ein früher Therapiebeginn bringt zusätzliche Vorteile mit sich. Gerade im Kindesalter ist das Immunsystem noch formbar und reagiert stärker auf gezielte Reize.

„Viele klinische Studien zeigen, dass die Behandlung bei Kindern besonders gut – teilweise sogar besser – als bei Erwachsenen wirkt. Das Immunsystem von Kindern ist noch nicht so ‚festgelegt‘ und sehr lernfähig“, so Medek.

Das eröffnet die Möglichkeit, den Krankheitsverlauf frühzeitig nachhaltig zu beeinflussen.

Mehr als nur ein Schnupfen

Allergien wirken sich nicht nur körperlich aus, sondern beeinflussen den gesamten Alltag eines Kindes. Besonders deutlich zeigt sich das bei Schlaf und Leistungsfähigkeit.

„Unbehandelte Allergien können einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität … haben.“ Die Folgen betreffen häufig auch Schule, Freizeit und soziale Interaktionen. „Die zunehmende Tagesmüdigkeit führt zu Konzentrationsstörungen … Folgen sind schlechte Noten, schlechte Laune, zunehmende Frustration und Reizbarkeit.“

Damit wird klar, dass es sich nicht um ein isoliertes Symptom, sondern um eine umfassende Belastung handelt.

Irrtümer, die sich hartnäckig halten

Trotz wachsender Aufmerksamkeit gibt es weiterhin viele falsche Annahmen rund um Allergien. Diese führen oft dazu, dass Beschwerden nicht ernst genommen oder zu spät behandelt werden.

„Die häufigsten Missverständnisse sind, dass ‚Pollenallergien harmlos sind‘, ‚immer von allein weggehen bzw. sich auswachsen‘ und ‚man wegen des bisschen Schnupfens‘ keinen Aufstand machen soll. In Wirklichkeit handelt es sich um eine komplexe allergische Erkrankung, die frühzeitig erkannt und behandelt werden sollte“, betont Medek.

Ein wachsendes Problem unserer Zeit

Auch äußere Faktoren tragen zur Entwicklung und Intensität von Allergien bei. Veränderungen in Umwelt und Klima wirken sich direkt auf die Belastung aus.

„Luftschadstoffe … können die Pollenstruktur verändern … wodurch das Allergen leichter in unseren Körper kommt.“ Zusätzlich verlängert sich die Zeit, in der Pollen in der Luft sind, und die Gesamtmenge nimmt zu. „Manche Studien berichten bis zu 20–30 % mehr Pollen pro Pflanze.“

Diese Entwicklungen machen Allergien zunehmend zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema.

Was Eltern konkret tun können

Dr. Medek rät Eltern, bei ersten Anzeichen nicht abzuwarten, sondern aktiv zu werden und auf eine fundierte Abklärung zu setzen:

  • Frühzeitig eine fachärztliche Abklärung in Anspruch nehmen
  • Ein Symptomtagebuch führen, um Beschwerden besser einordnen zu können
  • Auf nicht-ärztlich empfohlene Allergietests aus dem Internet verzichten
  • Rauchbelastung vermeiden – sowohl aktiv als auch passiv

Bildquellen

  • Allergie bei Kindern: iStockphoto.com/ Imgorthand

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