Wenn Harmonie zur Falle wird: Fawning und Trauma verstehen

Traumata beeinflussen unser Leben oft still, aber tiefgreifend. Viele Menschen spüren ihre Wirkung, ohne zu wissen, dass ihr Nervensystem auf alte Überlebensstrategien zurückgreift. Die Reaktionen Fight, Flight und Freeze sind weithin bekannt – doch es gibt eine vierte, lange übersehene Reaktion, die oft das eigene Leben im Hintergrund steuert: Fawning.

Die Trauma-Expertin Ingrid Clayton erklärt uns, was hinter diesem Verhalten steckt, wie man es erkennt und vor allem, wie Heilung möglich ist.

Wenn der Körper entscheidet: Was Trauma wirklich ist

Trauma ist mehr als ein Ereignis. Es ist die Reaktion des Körpers auf überwältigenden Stress, auf Situationen, in denen wir uns hilflos, ausgeliefert oder bedroht fühlen. Dabei speichert unser Nervensystem diese Erfahrungen, egal ob die akute Gefahr schon vorbei ist. Fight, Flight und Freeze sind bekannte Reaktionen – Kampf, Flucht oder Erstarrung – die das Überleben sichern sollen. Doch oft wirken diese automatischen Prozesse wie unsichtbare Regisseure unseres Handelns. Clayton erklärt:

„Viele Menschen denken, Trauma sei etwas, das man ‘haben’ kann – dabei ist es vor allem die Reaktion unseres Körpers, die uns schützt“

Diese Sichtweise verschiebt den Fokus vom Ereignis selbst auf die Art und Weise, wie unser Körper darauf reagiert. Eine Reaktion, die lange übersehen wurde, ist Fawning* . Auf die Frage, warum diese Reaktion so wenig Beachtung fand, sagt Clayton: „Weil es sozial erwünscht aussieht – freundlich, kooperativ, selbstlos – und deshalb belohnt wird, anstatt als angstbasierte Überlebensstrategie erkannt zu werden.“

Fawning ist tief in einem Gefühl des Kontrollverlusts verwurzelt: Wer ständig versucht, es allen recht zu machen, tut dies nicht aus Willen, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. Im Alltag zeigt sich das oft subtil: Jemand, der ständig Konflikte vermeidet, sich klein macht oder reflexhaft zustimmt, reagiert auf diese Weise. Viele erkennen das nicht als Trauma, sondern als Charaktereigenschaft. Doch Clayton betont, dass es sich um eine körperliche, instinktive Reaktion handelt – kein Makel, keine Schwäche.

*schwer exakt mit einem Wort ins Deutsche zu übersetzen, aber “Übermäßige Anpassung”, “Beschwichtigungsverhalten” treffen es am ehesten. (Anm. Redaktion)

Die unsichtbare Anpassung: Wie Fawning im Alltag wirkt

Fawning kann leicht übersehen werden, weil es zunächst positiv wirkt: Anpassung, Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme. Doch hinter der Maske steckt oft Angst. Menschen, die fawnen, stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinten an, sagen automatisch „Ja“, vermeiden Konflikte und passen sich übermäßig an andere an – wie die Expertin erklärt:

„Man merkt es daran, dass man sich ständig selbst verkleinert, kaum Nein sagen kann und gar nicht mehr genau weiß, was man selbst eigentlich will“

Wer diese Verhaltensmuster zeigt, fühlt sich oft verantwortlich für das Wohlbefinden anderer – selbst in Situationen, in denen sie objektiv keine Schuld tragen. Clayton beschreibt, dass Fawning besonders dann entsteht, wenn Sicherheit früher nur durch Anpassung möglich war. Kinder, die in emotional unberechenbaren oder bestrafenden Umfeldern aufwachsen, lernen schnell: Konflikte vermeiden, sich unterordnen und gefallen – das rettet Beziehungen und schützt vor emotionalem Schmerz.

Praktische Beispiele aus dem Alltag sind etwa die Kollegin, die ständig Überstunden macht, um Konflikte zu vermeiden oder der Partner, der seine eigenen Wünsche hinten anstellt, um Harmonie zu wahren. Wenn diese Verhaltensweisen automatisch und angstgetrieben erscheinen, ist das ein starkes Indiz für Fawning. Clayton ergänzt: „Wenn Anpassung sich wie eine Voraussetzung für Sicherheit anfühlt, ist das ein klares Zeichen für eine Traumareaktion.“

 

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Schuldgefühle ohne objektive Verantwortung

Ein besonderes Kennzeichen von Fawning ist das starke Schuldgefühl. Betroffene fühlen sich oft verantwortlich für das Wohlbefinden anderer, auch wenn sie objektiv nichts falsch gemacht haben.

„Das Nervensystem interpretiert das Unwohlsein anderer als Gefahr. Schuld wird zum Warnsignal, das sofort Beschwichtigung auslöst“, sagt Clayton. Dieses Muster ist besonders tief verankert, weil es über Jahre erlernt wurde. Fawning entsteht laut Clayton in Beziehungen, in denen das Einfordern eigener Bedürfnisse gefährlich war – etwa bei emotional unberechenbaren Eltern, chronischen Machtungleichgewichten oder Strafen für Durchsetzung.

Ein Beispiel: Eine Frau fühlt sich verantwortlich dafür, dass ihr Partner nicht wütend wird, obwohl sie nichts getan hat. Ihr Körper reagiert mit Anspannung, ihre Gedanken kreisen – die logische Einsicht, dass sie unschuldig ist, reicht nicht aus. Clayton beschreibt, dass genau hier die Traumatherapie ansetzt: Fawnende Menschen lernen, dass sie Sicherheit auch ohne permanente Anpassung erfahren können.

Harmonie als Tarnung: Warum Fawning so schwer erkannt wird

Fawning wirkt nach außen oft stabilisierend. Menschen, die fawnen, erscheinen hilfsbereit, freundlich, kooperativ und konfliktscheu. Doch diese Harmonie kann täuschen: Sie verbirgt die Belastung dahinter.

„Fawning kann die stabilisierende Kraft in Beziehungen sein. Die Person absorbiert Konflikte und Verantwortung, sodass dysfunktionale Strukturen für andere unsichtbar bleiben. Diese „stabilisierende Funktion“ wird häufig belohnt  – mit Anerkennung oder vermeintlicher Dankbarkeit – während die tatsächliche Belastung für die fawnende Person unsichtbar bleibt.”, erklärt Clayton.

Langfristig kann das erhebliche Konsequenzen haben: chronische Angst, Erschöpfung, unterdrückte Wut, Verlust der eigenen Identität und eine erhöhte Anfälligkeit für ausbeuterische Beziehungen. Beispiele aus ihrer Praxis zeigen Paare, in denen eine Person ständig nachgibt und dabei die eigenen Grenzen ignoriert  oder Teams, in denen ein Mitarbeiter permanent Konflikte schlichtet, während Probleme unter der Oberfläche bleiben.

Narzissmus wird genährt: Fawning in toxischen Systemen

Narzisstische oder emotional instabile Systeme verstärken Fawning. Wer sich in einem Umfeld befindet, das Selbstaufgabe belohnt und Autonomie bestraft, bleibt dauerhaft in Alarmbereitschaft.

„Diese Systeme belohnen Selbstaufgabe und bestrafen Autonomie. Das Nervensystem bleibt in ständiger Wachsamkeit, erklärt Clayton. Viele Jahre oder sogar Jahrzehnte können die eigene Anpassung verstärken.

Auf die Frage nach dem ersten Schritt aus Fawning sagt sie direkt:

„Der erste Schritt ist, Fawning als Traumareaktion zu erkennen, nicht als persönlichen Fehler. Diese Neubewertung reduziert Scham und schafft die Grundlage für Veränderung.”

Alltagspraxis zeigt, dass kleine Schritte oft der Schlüssel sind: bewusst Nein sagen, die eigenen Gefühle aussprechen oder klare Grenzen markieren – kleine Erfolge, die das Nervensystem langsam entlasten.

Grenzen setzen – Schritt für Schritt

Für fawnende Menschen waren Grenzen oft gefährlich. Jede Abgrenzung konnte zu emotionaler Ablehnung oder Verlust führen. „Früher bedeutete Grenzen setzen oft Verlust oder Bestrafung. Deshalb löst es heute Angst aus“, sagt Clayton. Doch Heilung ist möglich, wenn Grenzen schrittweise neu erlernt werden.

„Man baut sie langsam wieder auf – indem man innere Sicherheit stärkt, Unbehagen aushält und kleine Selbstbehauptungen übt, ohne sich selbst zu bestrafen“, erklärt sie. Clayton klärt auf, dass es nicht um perfekte Grenzen von heute auf morgen geht, sondern um den Prozess der Selbstermächtigung. Praxisbeispiele reichen vom kleinen „Nein“ bei der Kollegin bis zum klaren Gespräch in der Partnerschaft – jedes Mal ein Schritt, das Nervensystem neu zu kalibrieren.

Therapie als sicherer Erfahrungsraum

Viele Betroffene fühlen sich machtlos gegenüber ihren Mustern. Klassisches Rationalisieren hilft oft wenig – weil Fawning physiologisch verankert ist. Therapie hilft, Sicherheit und Wahlfreiheit neu zu erleben, besonders durch körper- und beziehungsbasierte Arbeit“, erklärt Clayton. Indirekt verdeutlicht sie, dass echte Veränderung nur im Erleben von Sicherheit in Echtzeit möglich ist.

„Wir lernen Schritt für Schritt, dass Selbstbehauptung nicht mehr zu Gefahr oder Verlust führt“, fügt sie hinzu. Außerdem macht sie den wichtigen Unterschied klar: „People-Pleasing ist nur Verhalten, Fawning ist physiologisch. Das muss man im Körper behandeln, nicht nur im Kopf.“

Sprache als Schlüssel zur Heilung

Clayton hat sich bewusst darauf spezialisiert, weniger bekannte Traumakonzepte ins Licht zu rücken. “Ich habe Fawning zuerst in meinem eigenen Leben und bei Klient:innen erkannt, lange bevor es Worte dafür gab. Sobald man es benennt, entsteht Klarheit und Mitgefühl“, sagt sie. Sie macht deutlich, dass Sprache nicht nur Verständnis schafft, sondern auch die erste Intervention in Heilungsprozessen sein kann.

„Es ist wichtig, dass Menschen eine Sprache für ihr Erleben bekommen – oft ist das die erste Hilfe“, ergänzt sie. Besonders auf Social Media teilt sie Wissen, um komplexe psychologische Konzepte zugänglich zu machen – damit Menschen erkennen: Sie sind nicht kaputt, ihr Nervensystem hat nur überleben wollen.

 

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Vom Überleben zur Authentizität

Was sollen Leser:innen nach der Auseinandersetzung mit Fawning verstehen? „Ihr wart nie kaputt oder dysfunktional. Eure Anpassungen haben Sinn gemacht“, erklärt Clayton. Dabei macht sie deutlich, dass Überleben und Authentizität keine Gegensätze sind und betont:

„Sicherheit und Authentizität müssen kein Widerspruch sein. Euer Nervensystem hat gelernt zu überleben – und genau darin liegt der Beginn echter Heilung. Wer diese Perspektive annimmt, kann Schritt für Schritt beginnen, alte Muster zu erkennen, zu verstehen und loszulassen.”

Praxisnah bedeutet das: kleine Grenzerfahrungen, bewusste Selbstbehauptung, neue Kommunikationsmuster. Jeder kleine Erfolg signalisiert dem Nervensystem: Ich kann überleben, ohne mich selbst zu verlieren.

Ingrid Clayton ist klinische Psychologin mit eigener Praxis in Kalifornien. Ihr besonderes Interesse liegt schon immer darin, wenig bekannte Konzepte aufzugreifen und ihre Reichweite zu vergrößern. Ihr 2022 im Eigenverlag veröffentlichtes Believing Me: Healing from Narcissistic Abuse and Complex Trauma verkaufte sich allein über ihre Social-Media-Kanäle mehr als 12.000 mal. / © Elaine Rei
Fawning – Die unterschätzte Traumareaktion Erscheinungstermin: 29. Januar 2026

Bildquellen

  • Traumata verstehen: iStockphoto.com/ ProfessionalStudioImages

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