Paartherapeutin erklärt: Warum Paare oft scheitern – und wie man es verhindern kann

Paare stolpern oft über die gleichen Konflikte – immer wieder die gleichen Vorwürfe, Rückzüge oder Missverständnisse. Warum reagiert er immer so? Warum fühle ich mich nicht gehört? Manchmal scheint es, als lebten zwei Menschen in einer endlosen Schleife.

Wir haben mit der erfahrenen Paarberaterin Judith Gahleitner gesprochen, die spannende Einblicke in die Dynamik von Beziehungen gibt – von alten Mustern bis zu konkreten Lösungen.

Stürmer und Verteidiger: Rollen erkennen

Gahleitner erklärt, dass Frauen häufig die Stürmerrolle übernehmen und Männer eher in die Verteidigerrolle fallen, Ausnahmen sind aber normal. Sie betont, dass diese Rollen weder gut noch schlecht sind, sondern lebenslange Strategien, die sich bewährt haben.

Um die Dynamik zu verstehen, nutzt sie das Beispiel von Babys: Einige schreien, bis jemand reagiert, andere verstummen und lernen, sich selbst zu regulieren. Diese frühen Erfahrungen prägen das spätere Verhalten und zeigen sich später in Beziehungsdynamiken.

Verbindung als Schlüssel

Die Expertin sagt:

„Es geht um Verbindung. Wenn die fehlt, kann es zu Verlustängsten kommen.“

Gahleitner erklärt weiter, dass Frauen Nähe oft über Gespräche herstellen, Männer über Körperlichkeit. Das Verständnis dieser Unterschiede erleichtert Paaren, Konflikte zu entschärfen und Nähe bewusst zu schaffen.

Das Innere Kind spielt immer mit

Gahleitner erzählt auch, dass in Konflikten oft das Innere Kind am Steuer ist. Menschen reagieren dann trotzig, ziehen sich zurück oder zeigen Angst, oft ohne es bewusst zu merken. Sie verdeutlicht, dass Paare ihre eigenen Reaktionsmuster und die ihres Partners erkennen sollten, um besser aufeinander eingehen zu können. Die steirische Band STS fasst dies passend zusammen: „Zeig mir die Winkel, die nur dir g’hören. I will da nirgends hineinstechen, i will nur wissen, wo sie sind.”

Skulpturstellen – Gefühle sichtbar machen

Eine Methode, die Gahleitner besonders gerne nutzt, ist das Skulpturstellen nach Virginia Satir:

„Viele Paare erschrecken, wie bedrohlich der andere wirkt. Das Fremdbild und Selbstbild differieren oft gewaltig.“

Ein Beispiel verdeutlicht die Wirkung: „Ein Mann setzte sich breitbeinig, seine Partnerin stand dazwischen – das Knie auf Höhe seines Schrittes. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass die Position bedrohlich wirkt. Wir veränderten die Position und übertrugen das auch ins Bild: Wie begegnen wir uns auf Augenhöhe?“

Vorwürfe entschlüsseln

Gahleitner sagt, dass Vorwürfe oft versteckte Bedürfnisse ausdrücken: „Ich zeige auf, dass das oft eine Taktik des Stürmers ist: ich verletze, um den anderen zu erreichen.“ Sie erklärt, dass hinter Kritik meist das Bedürfnis nach Nähe steckt und dass klare Aussagen wie „Ich vermisse deine Nähe, ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen“ verbindlicher wirken.

Außerdem warnt sie, dass Vorwürfe oft genau die wunden Punkte des Partners treffen und dadurch kontraproduktiv wirken.

Persönlichkeitsarbeit durch Beziehung

Beziehungsarbeit ist gleichzeitig Persönlichkeitsarbeit: „Die Dynamik von Stürmer und Verteidiger bleibt, nur der Umgang verändert sich. Der Stürmer lernt, Bedürfnisse ohne Lautstärke zu kommunizieren, der Verteidiger, seinen Rückzug bewusst zu steuern.“

Praktische Umsetzung: Der Verteidiger könnte sagen: ‚Ich kann gerade nicht weiterreden, gehe kurz mit dem Hund und bin in 30 Minuten wieder da.‘ So stabilisiert er sich und kann zuhören.

Als Paar wachsen: Zuhören statt Reden

Oft liegt das Problem nicht im Reden, sondern im Zuhören: „Kaum beginnt einer zu reden, wird es ein Monolog voller Vorwürfe. Das Problem ist oft nicht das REDEN, sondern das ZUHÖREN. Höre ich genau zu? Versuche ich zu verstehen?“

Das Bewusstsein für die eigene Reaktion schafft neue Handlungsmöglichkeiten.

Gahleitner zitiert Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Sie ergänzt: „Unser Ziel ist nicht, den Partner zu ändern, sondern unsere Reaktion darauf. Das ist unser Freiraum – und der ist größer, als wir glauben.“

Alte Muster in neuen Beziehungen ändern

Selbst nach Trennungen oder in neuen Beziehungen lassen sich Muster verändern:

„Wenn Menschen sich ihrer eigenen Muster bewusst sind, können sie bewusst neue Wege wählen. Tempo, Lautstärke, Rückzug oder aktives Kommunizieren können moduliert werden.“

So entstehen neue Beziehungen, in denen Paare achtsam, verbindend und selbstbewusst miteinander umgehen – und die alten Konfliktschleifen nicht mehr automatisch wiederholen.

Judith Gahleitner ist Lebens- und Sozialberaterin mit Schwerpunkt Paarberatung, Trauerbegleitung und Psychoonkologie. Sie ist zertifizierte Supervisorin und Coach, Mitglied mehrerer WKO-Expertenpools und leitet 2026 Ausbildungen an der Akademie für Angewandte Zukunftsbildung.

Bildquellen

  • Paare streiten meist über die gleichen Dinge: Milena Magazin/ istockphoto.com

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