Reiz-Overload: Das steckt hinter dem Trendbegriff “Overstimulated”

In den letzten Jahren ist auf Social Media ein Begriff aufgetaucht, der immer mehr Aufmerksamkeit bekommt: „overstimulated“. Immer mehr Menschen berichten davon, sich überfordert, gereizt oder einfach „zu viel“ zu fühlen – als hätten sie zu viele Eindrücke, Reize und Informationen gleichzeitig in sich aufgenommen. Doch was steckt eigentlich hinter diesem Trendbegriff? Ist es nur ein Modewort oder ein echtes psychologisches Phänomen? Und vor allem: Was kann man dagegen tun?

Was bedeutet „overstimulated“ überhaupt?

Im Kern beschreibt „overstimulated“ das Gefühl, überreizt zu sein. Unsere Sinne, unser Gehirn und unser Nervensystem werden von zu vielen äußeren Reizen bombardiert – Geräusche, Licht, Menschen, Social-Media-Feeds, Nachrichten, Meetings, Musik, Kaffee, alles auf einmal. Wer schon einmal das Gefühl hatte, nach einem langen Tag in der Stadt, in einem vollen Café oder nach stundenlangem Scrollen auf Instagram völlig erschöpft und gereizt zu sein, kennt dieses Phänomen.

Dabei geht es nicht nur um Müdigkeit, sondern um eine Art sensorische Überlastung, die unsere Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, stark einschränkt. Man fühlt sich gereizt, nervös oder sogar körperlich angespannt, als hätte das Gehirn keine Pausen mehr.

Warum erleben wir das gerade jetzt so häufig?

Ein Grund liegt klar auf der Hand: Wir leben in einer Welt voller Reize. Smartphones, Social Media, ständige Benachrichtigungen, Werbung auf jedem Bildschirm, 24/7 Nachrichten – unser Gehirn hat kaum noch Ruhepausen. Jede Sekunde unseres Alltags ist durchzogen von Eindrücken, die wir früher einfach ausgeblendet hätten.

Hinzu kommt, dass wir zunehmend multitasking-fähig sein sollen. Wir sollen gleichzeitig arbeiten, Nachrichten beantworten, scrollen, Musik hören und nebenbei noch ein Leben „leben“. In dieser Dauerbeschallung kommt unser Gehirn an seine Grenzen.

Außerdem ist Überstimulation für Menschen mit bestimmten Eigenschaften oder Bedingungen oft noch stärker spürbar. Hochsensible Menschen, Personen mit ADHS oder Angststörungen reagieren schneller auf Reize und können bereits bei „normalen“ Alltagssituationen das Gefühl von Überlastung erleben.

Wie fühlt sich Überstimulation an?

Die Anzeichen sind vielfältig. Einige typische Symptome sind:

  • Gereiztheit oder schnelle Wutausbrüche
  • Übermäßige Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf
  • Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit
  • Körperliche Spannungen, Kopfschmerzen oder Magenprobleme
  • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen
  • Angst oder ein Gefühl der inneren Unruhe

Wer schon einmal nach einem Tag in der Stadt mit vollen Geschäften, lauter Musik, blinkenden Lichtern und endlosen Social-Media-Feeds nach Hause gekommen ist, kennt diese Mischung aus körperlicher und geistiger Erschöpfung. Es ist ein Zustand, in dem man eigentlich Ruhe bräuchte, aber das Gehirn einfach nicht herunterfährt.

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Social Media und das „Endlos-Scrollen“

Wenn man sich einmal bewusst macht, was alles zu Überstimulation beitragen kann, wird schnell klar, dass wir uns in einer regelrechten Reizfalle befinden. Unsere Smartphones sind wie Reizgeneratoren. Endlose Feeds, Benachrichtigungen, Likes, Kommentare – unser Gehirn reagiert auf all diese Inputs, oft ohne dass wir es bewusst merken.

Das Problem: Jede neue Meldung aktiviert unser Belohnungssystem. Wir bekommen kleine Dopamin-Häppchen für Likes und neue Nachrichten – und das macht süchtig. Gleichzeitig steigt die Informationsflut, unser Gehirn hat keine Ruhe mehr und die Reize summieren sich.

Nachrichtenkonsum

Das nächste Problem ist die ständige Flut an schlechten Nachrichten. Online-News und Social Media überfluten uns mit Negativität, Katastrophenmeldungen, Wirtschaftskrisen und Klimawandel-Schlagzeilen. Wir werden emotional aktiviert, bleiben angespannt und nehmen die Belastung mit in unseren Alltag.

Früher las man einmal am Tag Zeitung, heute scrollt man unbewusst durch unendliche Newsfeeds. Die ständige Wiederholung der gleichen schlechten Nachrichten verstärkt das Gefühl von Überlastung und macht es schwer, abzuschalten.

Zu viel Kaffee und Zucker

Nicht nur digitale Reize sind problematisch. Auch Substanzen wie Koffein und Zucker können Überstimulation verstärken. Kaffee blockiert chemische Botenstoffe, die für Müdigkeit verantwortlich sind, und aktiviert Stresshormone wie Adrenalin. Das sorgt kurzfristig für Energie – langfristig aber für Nervosität, Unruhe und Anspannung.

Arbeit im Großraumbüro

Offene Bürolandschaften sind ein klassisches Beispiel für sensorische Überlastung. Ständiges Geplauder der Kolleg:innen, Tastaturklappern, Telefonklingeln, Hintergrundmusik – all das beansprucht die Aufmerksamkeit und erschöpft das Gehirn. Selbst Menschen, die sonst stressresistent sind, fühlen sich nach einem Arbeitstag in einem lauten Büro ausgelaugt.

Überfüllte Räume und Menschenmengen

Einkaufszentren, Konzerte, Festivals oder Verkehrsspitzenzeiten – überall, wo viele Menschen zusammenkommen, steigt die Reizdichte enorm. Geräusche, Gerüche, visuelle Reize und körperliche Nähe können überwältigend wirken. Wer sensibel auf solche Eindrücke reagiert, wird schnell „overstimulated“.

Licht und Geräusche

Helles Licht, grelle Bildschirme, blinkende Anzeigen, laute Musik oder Baustellenlärm – es sind die kleinen Dinge im Alltag, die das Nervensystem in Alarmbereitschaft versetzen. Gerade in Städten ist die Reizbelastung oft hoch, und unser Körper hat keine Chance, sich zu entspannen.

Chronischer Stress und Schlafmangel

Stress, der sich über Tage, Wochen oder Monate anhäuft, erhöht die Empfindlichkeit für Reize. Wer ständig unter Druck steht oder wenig schläft, hat einen niedrigeren „Schwellenwert“ für Reizüberflutung. Selbst kleine Dinge können dann wie ein Übermaß wirken.

Was man gegen Überstimulation tun kann

Glücklicherweise gibt es viele Strategien, um Überstimulation zu reduzieren und dem Gehirn Ruhepausen zu gönnen.

1. Digitale Pausen: Setze klare Grenzen für Social Media und Smartphone-Nutzung. Zum Beispiel: keine Handys im Schlafzimmer, feste Zeiten für Nachrichten und Social Media, App-Benachrichtigungen deaktivieren. Auch ein „Digital Detox“-Tag pro Woche kann Wunder wirken.

2. Bewusster Medienkonsum: Achte darauf, welche Nachrichten du konsumierst. Prüfe die Quellen, beschränke die Dauer und versuche, dich nicht in ständiges Scrollen zu verlieren. Manchmal hilft es, sich bewusst nur auf positive oder neutrale Inhalte zu konzentrieren.

3. Entspannungstechniken: Atemübungen, Meditation, progressive Muskelentspannung oder Yoga helfen, den Körper wieder zu beruhigen. Schon wenige Minuten bewusster Atmung können das Nervensystem entspannen und die innere Unruhe reduzieren.

4. Pausen einbauen: Plane bewusste Ruhepausen in deinem Alltag. Auch kurze Spaziergänge an der frischen Luft oder Zeit in einem ruhigen Raum helfen, die Reizüberflutung zu verarbeiten.

5. Reizreduzierte Umgebung: Wenn möglich, gestalte dein Zuhause und deinen Arbeitsplatz reizarmer. Niedrigere Lichtintensität, leise Musik oder Kopfhörer, klar strukturierte Räume – all das hilft, den Sinneseindruck zu reduzieren.

„Overstimulation“ als Teil unserer Zeit

Das Phänomen „overstimulated“ zeigt eines deutlich: Wir leben in einer Welt der Reize, die immer dichter und schneller wird. Unsere Aufmerksamkeit, unser Nervensystem und unsere emotionale Belastbarkeit stoßen an ihre Grenzen.

Das Bewusstsein darüber ist der erste Schritt, um bewusst dagegenzusteuern. Wer erkennt, welche Faktoren ihn überstimulieren, kann Strategien entwickeln, um sich zu schützen, Ruhephasen einzubauen und die Kontrolle über das eigene Wohlbefinden zurückzugewinnen.

Überstimulation ist also kein Zeichen von Schwäche oder „zu viel Empfindsamkeit“, sondern eine natürliche Reaktion des Körpers auf eine Überforderung der Sinne. Wer das versteht, kann nicht nur den Stress reduzieren, sondern auch wieder klarer denken, sich entspannen und den Alltag bewusster genießen.

@haleyybaylee♬ original sound – haleyybaylee

Bildquellen

  • overstimulated: iStockphoto.com / vladans

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