Romance is (Not) Dead: Was bedeutet heutzutage Romantik?

Auf TikTok, Instagram und Pinterest wirken Beziehungen heute wie perfekt kuratierte Moodboards: Candle-Light-Dinner, Coffee-Dates, Blumen und öffentliche Liebesbekundungen. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen emotional disconnected, überfordert von Erwartungen oder unsicher, wie Liebe und Romantik eigentlich aussehen soll.

Begriffe wie Situationships, Ghosting, Beziehungsangst oder Breadcrumbing gehören längst zum Dating-Alltag – und zeigen, wie kompliziert Beziehungen heute geworden sind. Dazu kommen öffentliche Liebesbekundungen oder Trennungen, die fast schon wie inszenierte Momente wirken.

Genau mit diesem Spannungsfeld beschäftigte sich die Ausstellung „Romance is (Not) Dead“ des Wiener Kreativstudios Atelier Égalité. Wir haben mit den Kuratoren Sigrid Mayer und Felix Frühauf über ihren Zugang zu moderner Romantik gesprochen – und darüber, warum Liebe heute weniger eindeutig ist, als es visuelle Kultur und soziale Medien oft suggerieren.

Echte Romantik? Wenn Bilder beginne, Erwartungen zu formen

Die Ausstellung „Romance is (Not) Dead“ fand über das zweite Maiwochenende statt – war dabei aber keine klassische Kunstausstellung mit fertigen Antworten, sondern eher ein offener Denkraum, der sich erst durch die Besucher:innen vollständig zusammensetzte. Diese konnten Gedanken anonym teilen, Gespräche führen und eigene Erfahrungen einbringen.

Der Ausgangspunkt dafür war überraschend persönlich, denn er war die die eigene Hochzeit der beiden Veranstalter. „Bei der Planung muss man permanent entscheiden, was man als romantisch empfindet – und was eher kitschig.“, so Mayer und Frühauf. Aus dieser Erfahrung heraus entstand die zentrale Idee des Projekts. „Mit über 10 Jahren Erfahrung konzipieren und produzieren wir Fotoshootings, Filme und visuelle Konzepte für Marken und Einzelpersonen – wir arbeiten also ständig mit gesellschaftlichen Bildern und Sehgewohnheiten. Da war es naheliegend, Romantik nicht nur als Gefühl, sondern als kulturell geprägtes Konzept zu betrachten.“

Was sie besonders interessiert: die Unsichtbarkeit dieser Codes im Alltag. 

Irgendwann entstand die Frage: Ist es eigentlich romantisch, wenn wir die Romantik analysieren?“

Eine zentrale Frage, die immer wieder auftauchte: Ist Romantik eine Persönlichkeitseigenschaft oder eher eine Werte-Ansammlung? ©Atelier Égalité

Kann man Romantik lernen?

Viele romantische Vorstellungen wirken selbstverständlich – sind aber historisch und medial geprägt. Rote Rosen, Kerzenlicht, bestimmte Posen oder Gesten erscheinen universell, sind jedoch hochgradig kodiert.

„Die Ausstellung sollte weniger eine Antwort auf ‚Was ist Romantik?‘ geben“, so das Duo, „sondern sichtbar machen, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Idee interpretieren.“

Gerade diese Unterschiede wurden im Raum sichtbar: zwischen performativen Elementen, fotografischen Arbeiten und floralen Installationen entstanden Gespräche, die sich schnell von der Kunst lösten und ins Persönliche kippten. Zwischen den Beiträgen der Besucher:innen wurde deutlich, wie sehr romantische Bilder Erwartungen formen – oft ohne dass diese Erwartungen bewusst reflektiert werden.

Besonders auffällig war dabei, wie offen viele Besucher:innen plötzlich über persönliche Erfahrungen sprachen. Was ursprünglich als interaktive Ausstellung gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem Raum für ehrliche Gespräche über Liebe, Enttäuschung, emotionale Nähe und moderne Dating-Dynamiken.

Die Offenheit des Prozesses war am Wochenende spürbar – und sie hat uns selbst überrascht. Die Gespräche, die entstanden sind, gehen weit über das hinaus, was wir erwartet hatten

Eine Aussage blieb den beiden dabei besonders in Erinnerung: „Eine Besucherin meinte, dass sie zwar an Liebe glaubt, aber nicht daran, selbst Liebe zu finden – weil sie nie gelernt habe, wie Romantik eigentlich aussehen kann. Das hat uns beschäftigt, weil es einen wichtigen Gedanken aufwirft: Romantische Ausdrucksformen sind etwas, das man im Laufe des Lebens bewusst lernen kann – in jedem Alter.”

Zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Mayer und Frühauf arbeiten und leben eng zusammen – und genau diese Nähe prägt auch ihren Zugang zum Projekt. „Wir sind als Duo privat eher zurückhaltend, besonders online. Im direkten Austausch hingegen immer sehr offen.“

Diese Haltung wurde bewusst Teil der Ausstellung: „Jeder Take auf Liebe war willkommen – solange er respektvoll ist.“ Es ging nicht darum, eine kuratierte Wahrheit zu erzeugen, sondern viele gleichwertige Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen.

Ungewöhnlich für das Duo war, keinen abgeschlossenen Zustand zu zeigen. „Es war ungewohnt, bewusst etwas Halbfertiges zu zeigen“, sagen sie. In ihrer regulären Arbeit für Marken und Editorials steht am Ende immer ein fertiges Bild, eine klare Inszenierung.

Projekte für Kund:innen wie etwa das The Ritz-Carlton oder Arbeiten für L’Officiel Austria folgen einer präzisen visuellen Logik. Auch eine Inszenierung des Louis Vuitton Store als narrative Szene zeigt diese kontrollierte Bildsprache. „Hier bei ‚Romance is (Not) Dead‘ war der Prozess selbst Teil der Arbeit“, so Mayer und Frühauf.
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Unterschiedliche Modelle von Nähe: So wird Beziehung unterschiedlich gelebt

Besonders deutlich wurde, wie unterschiedlich Menschen Beziehung denken. Während einige Besucher:innen von individueller Freiheit innerhalb von Partnerschaften sprechen, betonen andere die Bedeutung von starker emotionaler Verschmelzung.

„Eine Besucherin bezog sich auf ein Werk, das für sie zeigt, wie wichtig persönlicher Freiraum in einer Beziehung ist“, erzählen sie. „Interessant, weil unsere eigene Beziehung eher gegenteilig funktioniert und wir vieles bewusst gemeinsam erleben.“

Aus diesen Gegensätzen entstand kein Konflikt, sondern eine produktive Offenheit: „Ist Romantik eine Persönlichkeitseigenschaft oder eher eine Werte-Ansammlung? Und funktioniert sie nur zu zweit – oder auch alleine?“

„Die ehrlichen Begegnungen waren wahrscheinlich der wertvollste Aspekt des Wochenendes.“, so Mayer und Frühauf. ©Atelier Égalité

Ausblick: Romantik als laufender Prozess

„Romance is (Not) Dead“ ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern Teil eines größeren Vorhabens. Interviews, Workshops und die gesammelten Stimmen des Publikums fließen in ein Coffee Table Book ein, das im Februar 2027 erscheinen soll.

Bis dahin bleibt das Projekt offen – auch digital. Über Social Media können weiterhin anonyme Gedanken geteilt werden, die in die Arbeit einfließen.

Für Mayer und Frühauf steht am Ende eine klare Erkenntnis: Romantik ist kein festes Bild, sondern ein bewegliches System. Oder, anders gesagt: etwas, das nicht nur erlebt, sondern immer wieder neu verhandelt wird.

 

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Bildquellen

  • Fotocredit: Atelier Égalité: Fotocredit: Atelier Égalité

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