Selbstwert ist kein Luxusproblem – er ist die Basis für mentale Gesundheit, erfüllte Beziehungen und innere Stabilität. Trotzdem kämpfen immer mehr Menschen mit Selbstzweifeln, Vergleichsdruck und emotionaler Abhängigkeit.
In einer Welt aus Leistungsdenken und Social Media verliert sich das Gefühl für den eigenen Wert oft schneller, als wir es bemerken. Der koreanische Psychiater Dr. Yoon Hong-Gyun analysiert diese Dynamiken klar und praxisnah.
Seine Botschaft: Selbstwert ist kein Zufall – er ist eine bewusste Entscheidung und tägliche Praxis.
Wenn alte Wunden lauter sind als die Realität
Warum glauben so viele Menschen nicht, dass sie Liebe wert sind – selbst wenn sie sie erfahren?
Dr. Yoon erklärt: „Menschen leben ihr Leben nach ihren Überzeugungen. Vergangene Traumata senden Botschaften in die Gegenwart. Objektive Fakten und innere Wunden geraten in Konflikt – und manchmal gewinnen die Wunden.“
Das bedeutet: Unser Gehirn speichert emotionale Erfahrungen stärker als rationale Argumente. Wer früh Zurückweisung erlebt hat, trägt möglicherweise unbewusst die Überzeugung in sich, nicht liebenswert zu sein.
„Erinnerungen und Emotionen sind bereits im Gehirn eingeprägt. Genau deshalb reichen rationale Argumente oft nicht aus. Objektive Fakten und subjektive Wunden gehen in einen Kampf – und leider gewinnen manchmal die Wunden.
Selbst wenn Partner:in, Freunde oder Familie Zuneigung zeigen, fühlt es sich „nicht echt“ an. Für echte Heilung braucht es daher mehr als Bestätigung von außen – es braucht innere Neubewertung.
Selbstwert ist kein Wettbewerb
In einer hypervernetzten Welt vergleichen wir uns permanent – Aussehen, Karriere, Beziehungen, Lifestyle.
„Mit der Entwicklung sozialer Medien ist die Welt zu einem Ort geworden, an dem man sich mit jedem vergleichen kann.“ In Korea gibt es dafür sogar einen Begriff: „Mental Victory“ (Jeongsin Seung-ri) – eine ironische Bezeichnung für das Schönreden einer Niederlage, um emotionalen Trost zu gewinnen.
In einer hyperkompetitiven, durch Social Media vernetzten Gesellschaft ist selbst dieser mentale Sieg kaum noch möglich. Sobald wir unser Smartphone öffnen, sehen wir Menschen, die scheinbar erfolgreicher, schöner oder glücklicher sind.
„Relative Überlegenheit kann jederzeit zerbrechen.“ Deshalb müsse Selbstwert durch innere Reflexion entstehen – nicht durch Vergleich.
Der moderne Selbstwert-Trend heißt deshalb: weniger vergleichen, mehr reflektieren. Wer seinen Wert an Likes, Gehalt oder Status koppelt, steht auf instabilem Boden. Nachhaltige mentale Gesundheit entsteht nicht durch Gewinnen – sondern durch Selbstakzeptanz.
Warum wir in toxische Beziehungsmuster rutschen
Viele Menschen landen immer wieder in Beziehungen, die ihnen nicht guttun.
„Niedriges Selbstwertgefühl verstärkt Abhängigkeit.“ Wer sich als schwach erlebt, glaubt, nur mit Hilfe anderer bestehen zu können. „Man möchte gut leben, doch man glaubt, man könne nur mit jemand anderem überleben.“
Gleichzeitig erklärt Dr. Yoon: „Die meisten guten Menschen möchten jemanden mit hohem Selbstwert treffen.“ Wer sich selbst gering schätzt, gerät daher oft in frustrierende Dynamiken. Sein Rat ist klar:
„Erhöhen Sie zuerst Ihr Selbstwertgefühl, damit Sie für sich selbst ein guter Mensch werden.“
Wer sich selbst also nicht als wertvoll erlebt, sucht Bestätigung um jeden Preis. Dabei entsteht emotionale Abhängigkeit. Der gesündere Weg? Erst sich selbst stärken. Wer innerlich stabil ist, wählt Beziehungen aus Freiheit – nicht aus Angst.
Warum Streit nicht automatisch Trennung bedeutet
Warum können sich manche Paare nicht trennen, obwohl sie ständig streiten?
„Menschen sind soziale Wesen. Selbst wenn es schmerzhaft ist, fühlen sie Sicherheit, wenn sie verbunden sind.“
Wenn die Überzeugung besteht: „Wenn diese Person geht, werde ich für immer allein sein“, entstehen fehlerhafte Entscheidungen. Dieses Verhalten sei oft eine Mischung aus Trennungsangst, Abhängigkeit und niedrigem Selbstwert.
Besonders prägend sind Kindheitserfahrungen. „Wenn man seit der Kindheit hört: ‚Ich sage das nur, weil ich dich liebe‘, ist es schwer, sich später zu lösen.“ Sogar im therapeutischen Kontext beobachtet er: „Manche Patienten sagen: ‚Bitte schimpfen Sie mich streng.‘“ Für sie wurde Härte mit Liebe gleichgesetzt.
Die Maske der Anpassung – und ihre Folgen
Kennst du das Gefühl, nach einem sozialen Event komplett erschöpft zu sein?
„Kognitive Dissonanz entsteht, wenn man anders handelt, als man glaubt. Das führt zu extremer Erschöpfung und innerer Leere.“
Wenn wir uns dauerhaft anpassen, Rollen spielen oder Erwartungen erfüllen, die nicht zu uns passen, zahlen wir mit Energie. Auch wenn das Verhalten äußerlich erfolgreich wirkt, entsteht innerlich Spannung. „Selbst wenn die Handlung gleich ist, wird die Müdigkeit extrem, wenn kognitive Dissonanz vorhanden ist.“
Nach sozialen Treffen fühlen sich Betroffene ausgelaugt, allein überkommt sie Leere. „Das ist ein Zeichen, dass man seine Energie durch soziales Schauspiel überstrapaziert hat.“
Authentizität ist kein Ego-Trip – sie ist Selbstschutz.
Wenn Arbeit zur Identität wird
Warum beeinflusst beruflicher Erfolg oder Misserfolg unseren Selbstwert so stark?
„Moderne Menschen sehen ihren Beruf nicht nur als Mittel zum Lebensunterhalt, sondern als ihre Identität.”
Ein Fehler wird nicht als Rollenproblem gesehen, sondern als persönliches Versagen. „Nicht als Problem der Rolle, sondern als Scheitern des Menschen selbst.“ Dr. Yoon beschreibt dies als Effekt kapitalistischer Strukturen. Geldverdienen hat höchste Priorität.
Er plädiert für multiple Identitäten: „Ich bin Arzt, also kann ich als ‚Health-ist‘ leben. Aber es sollte auch ‚Artist-ists‘, ‚Justice-ists‘ oder ‚Love-ists‘ geben.“
Der Selbstwert braucht mehrere Säulen.
Frühwarnsystem für bröckelnden Selbstwert
Selbstzweifel schleichen sich oft unbemerkt ein.
„Entscheidungsparalyse bei einfachen Dingen oder selbstabwertende Kommentare sind Warnsignale. Pessimistische Sätze wie ‚Ich kann das nicht‘ zeigen eine Abwertung der eigenen Fähigkeiten.“
Achte auf deine Sprache. Unsere Worte formen unsere Selbstwahrnehmung. Journaling, ehrliche Gespräche und bewusste Selbstbeobachtung sind einfache, aber kraftvolle Tools für mentale Hygiene.
Zwei Gewohnheiten, die deinen Selbstwert sabotieren
Dr. Yoon nennt zwei Hauptfallen:
„Erstens: Vergleiche dich nicht mit Social Media. Es zeigt nur die glücklichsten Momente. Zweitens: ständiges Grübeln über Fehler. Schließe Gedanken mit ‚Von jetzt an…‘ ab und richte den Fokus auf die Zukunft.“
Digital Detox ist also kein Trend, sondern Selbstschutz. Und statt dich für Vergangenes zu verurteilen, formuliere neue Entscheidungen. Wachstum beginnt im nächsten Schritt – nicht im alten Fehler.
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Warum Unentschlossenheit oft Selbstmisstrauen ist
Viele vermeiden Entscheidungen aus Angst vor Fehlern.
„Am Boden der Unentschlossenheit liegt Selbstmisstrauen: ‚Ich werde falsch wählen‘ oder ‚Ich kann die Konsequenzen nicht tragen‘.“
Doch auch Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung. Moderne Selbstwert-Arbeit heißt: Verantwortung übernehmen – selbst wenn der Weg unsicher ist. Flexibilität statt Schwarz-Weiß-Denken schafft innere Beweglichkeit.
Selbstliebe als tägliche Praxis
Selbstwert ist kein einmaliger Durchbruch – er ist Gewohnheit.
„Liebe passiert nicht einfach. Man muss sich jeden Morgen entscheiden, sich selbst zu lieben, freundlich zu sich zu sprechen und sich abends zu sagen: ‚Gut gemacht.‘“
Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Sie ist die Grundlage, um auch andere gesund lieben zu können. Dr. Yoons Kernbotschaft ist klar: Wir sind unvollkommen – und genau deshalb liebenswert.
Selbstwert beginnt nicht im Außen. Er beginnt mit einem inneren Entschluss: Ich bin genug.
Bildquellen
- Selbstwertgefühl stärken: Igor Suka/ iStockphoto.com
