Straffend oder doch schlecht: Wie sinnvoll ist es, jeden Tag einen BH zu tragen?

Die einen freuen sich schon beim Heimkommen darauf, ihn endlich auszuziehen, andere shoppen mit Leidenschaft Dessous und tragen BHs mit Überzeugung – und wieder andere zelebrieren ganz bewusst das „Bra-off“-Gefühl und gehen selbstverständlich ohne BH außer Haus. Kaum ein Kleidungsstück polarisiert so sehr wie der Büstenhalter, kurz BH.

Zwischen Komfort, Ästhetik, gesellschaftlichen Erwartungen und gesundheitlichen Fragen steht der BH seit Jahren in der Diskussion. Doch ist es wirklich sinnvoll, jeden Tag einen BH zu tragen – oder tut man seinem Körper damit langfristig eher etwas Gutes oder Schlechtes?

Ein Kleidungsstück mit Meinung: Warum der BH mehr ist als nur Unterwäsche

Der BH ist längst kein rein funktionales Kleidungsstück mehr – er ist Statement, Symbol und manchmal sogar Streitpunkt. Für manche Frauen ist er unverzichtbar, für andere vollkommen einengend und überflüssig. Während frühere Generationen kaum eine Wahl hatten, ist der Umgang mit dem BH heute so individuell wie nie zuvor.

Historisch betrachtet entstand der moderne BH Anfang des 20. Jahrhunderts als „befreiende Alternative“ zum Korsett. Ironischerweise wird er heute von manchen als neues Korsett empfunden – ein Kleidungsstück, das einengt, normiert und dem weiblichen Körper bestimmte Formen aufzwingt. Gleichzeitig ist er für andere ein Werkzeug für Komfort, Halt und Selbstbewusstsein.

Gesellschaftlich wird der BH oft mit „Ordentlichkeit“ gleichgesetzt. In vielen beruflichen Kontexten gilt ein BH noch immer als selbstverständlich, während ein sichtbares „Oben-ohne-Unter-der-Kleidung“ schnell als provokant wahrgenommen wird. Diese sozialen Normen beeinflussen unser Trageverhalten mindestens genauso stark wie medizinische Argumente.

Straff oder schlaff? Was die Wissenschaft über BHs und Brustform sagt

Einer der hartnäckigsten Mythen rund um den BH lautet: Wer keinen BH trägt, bekommt schneller hängende Brüste. Doch wissenschaftlich ist diese Annahme längst nicht so eindeutig, wie viele glauben.

Besonders bekannt ist die französische Langzeitstudie des Sportwissenschaftlers Jean-Denis Rouillon von der Universität Besançon. Über einen Zeitraum von 15 Jahren beobachtete er rund 330 Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, die teilweise auf das Tragen eines BHs verzichteten. Das überraschende Ergebnis: Bei vielen Teilnehmerinnen zeigte sich ohne BH keine stärkere Erschlaffung, sondern sogar eine leicht verbesserte natürliche Brusthaltung. Rouillon vermutete, dass die Brustmuskulatur und das Bindegewebe ohne externe Unterstützung aktiver arbeiten müssen und dadurch langfristig kräftiger werden.

Allerdings ist Vorsicht geboten:
Diese Studie war nicht klinisch kontrolliert, die Teilnehmerinnen waren überwiegend jung und hatten eher kleinere bis mittelgroße Brüste. Die Ergebnisse lassen sich also nicht pauschal auf alle Frauen übertragen.

Andere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen klar, dass die Form der Brust wird primär beeinflusst durch:

  • genetische Veranlagung
  • Alter
  • Gewichtsschwankungen
  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Hautelastizität
  • Bindegewebsstärke

Der BH spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Er kann die Brustform optisch beeinflussen, aber kaum nachhaltig „straffen“.

Entlastung oder Einengung? Die körperlichen Auswirkungen des täglichen BH-Tragens

Die Vorteile: Wann ein BH sinnvoll sein kann

Für viele Frauen – insbesondere mit größerer Oberweite – ist der BH kein Luxus, sondern eine echte Erleichterung. Orthopäd:innen bestätigen, dass ein gut sitzender BH bei größerem Brustgewicht helfen kann, Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen zu reduzieren. Ohne ausreichenden Halt kann das Gewicht der Brust die Körperhaltung negativ beeinflussen, vor allem bei langem Sitzen oder Stehen.

Auch bei Bewegung ist der BH oft ein Gamechanger. Studien zeigen, dass sich die Brust beim Laufen oder Springen in mehreren Richtungen bewegt – teils bis zu acht Zentimeter. Ein gut konzipierter Sport-BH kann diese Bewegungen deutlich reduzieren und dadurch Schmerzen, Mikroverletzungen im Bindegewebe und langfristige Überdehnung verhindern.

Nicht zu unterschätzen ist außerdem der psychologische Aspekt: Viele Frauen fühlen sich mit BH „angezogener“, sicherer und selbstbewusster – ein Faktor, der sich unmittelbar auf Wohlbefinden und Auftreten auswirken kann.

Die Nachteile: Wenn der BH zum Problem wird

Gleichzeitig kann ein BH – vor allem ein schlecht sitzender – auch Nachteile haben. Zu enge Modelle können Druckstellen verursachen, die Durchblutung einschränken und bei empfindlicher Haut zu Reizungen führen. Besonders Bügel-BHs stehen immer wieder in der Kritik, Nerven oder Lymphbahnen zu belasten – wobei es dafür keine eindeutigen medizinischen Belege gibt, wohl aber viele Erfahrungsberichte.

Ein weiterer Punkt ist die mögliche (!) Passivität der Muskulatur. Wird die Brust permanent gestützt, könnte das umliegende Muskel- und Bindegewebe weniger gefordert werden. Ob dieser Effekt tatsächlich langfristig relevant ist, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt – er wird jedoch von vielen Expert:innen zumindest als plausibel angesehen.

Hinzu kommen ganz banale Alltagsprobleme: Schwitzen, Reibung, Einschneiden, Verrutschen. All das kann dazu führen, dass der BH eher Stressfaktor als Unterstützung wird.

@stella_tianaBH ist kein MUSS! Männer tragen immerhin auch keinen 🤓 oder wie seht ihr das?♬ original sound – Stella Stegmann

Halbwahrheiten und was wirklich stimmt

„Ohne BH bekommt man hängende Brüste“

Diese Aussage ist so pauschal schlicht falsch. Studien zeigen, dass Erschlaffung vor allem alters- und hormonbedingt ist. Ein BH kann das Erscheinungsbild beeinflussen, aber er ist kein Garant für Straffheit.

„BHs verursachen Brustkrebs“

Dieser Mythos hält sich hartnäckig, ist aber wissenschaftlich widerlegt. Große epidemiologische Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen BH-Tragen und Brustkrebs feststellen. Weder Bügel noch enge Träger erhöhen nachweislich das Risiko.

„Ein BH ist immer unbequem“

Auch das stimmt so nicht. Unbequem ist meist der falsche BH, nicht der BH an sich. Studien zeigen, dass ein Großteil der Frauen eine falsche BH-Größe trägt – oft jahrelang. Ein gut angepasster BH kann durchaus den ganzen Tag angenehm sein.

Die Passform-Frage: Warum sie wichtiger ist als die Grundsatzentscheidung

Wenn es um die gesundheitlichen Auswirkungen geht, ist die entscheidende Frage weniger ob man einen BH trägt – sondern welchen.

Ein gut sitzender BH:

  • schneidet nicht ein
  • rutscht nicht hoch
  • verteilt das Gewicht gleichmäßig
  • liegt flach am Brustkorb an
  • gibt Halt, ohne Druck auszuüben

Viele Frauen unterschätzen, wie sehr sich Körperformen im Laufe der Zeit verändern. Gewicht, Hormone, Sport oder Schwangerschaft können die BH-Größe beeinflussen. Fachleute empfehlen daher, die Größe regelmäßig überprüfen zu lassen.

Auch die BH-Art spielt eine Rolle:

  • Sport-BHs sind bei Bewegung klar zu empfehlen
  • Soft-BHs oder Bralettes eignen sich für lange Tage oder Zuhause
  • Push-up- und Bügel-BHs sollten eher situationsbezogen getragen werden

Ein bewusster Wechsel zwischen verschiedenen Modellen kann helfen, Belastungen zu reduzieren und den Tragekomfort zu erhöhen.

BH tragen – eine persönliche, keine dogmatische Entscheidung

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Es gibt keine universelle BH-Pflicht – und kein universelles BH-Verbot.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich festhalten:

  • BHs machen die Brust nicht automatisch straffer
  • Sie sind weder Ursache noch Schutz vor Brustkrebs
  • Sie können entlasten – oder belasten, je nach Passform
  • Der Körper kommt grundsätzlich auch ohne BH zurecht

Vielleicht liegt die gesündeste Lösung irgendwo dazwischen: BH tragen, wenn er sinnvoll ist – beim Sport, im Job, für Komfort. Und ihn weglassen, wenn der Körper danach verlangt.

Denn am Ende gilt wie so oft: Der eigene Körper weiß meist ziemlich gut, was ihm guttut – man muss nur wieder lernen, auf ihn zu hören.

@doktorsex Dein Körper, deine Regeln 🥰 #lernenmittiktok #drsheiladeliz #nobra #dakgesundheit ♬ original sound – Doktorsex

Bildquellen

  • Sollte man jeden Tag einen BH tragen?: iStockphoto.com/Drazen Zigic

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