Es beginnt oft mit einem Satz, den viele Menschen irgendwann ganz selbstverständlich sagen: „Irgendwann möchten wir Kinder.“ Für manche wird daraus wenige Monate später Realität. Für andere beginnt eine Reise, die niemand vorbereitet hat – voller Hoffnung, Enttäuschung, medizinischer Termine, stiller Tränen und einer psychischen Belastung, über die kaum gesprochen wird. Denn obwohl in Österreich tausende Menschen von unerfülltem Kinderwunsch betroffen sind, bleibt das Thema häufig unsichtbar.
Hoffnung und Enttäuschung im Dauerkreislauf
Eine aktuelle Studie der Patient:innen-Organisation Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich gemeinsam mit dem Forschungsinstitut TQS Research & Consulting zeigt nun deutlich, wie tief diese Belastung tatsächlich geht. 72 Prozent der Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch berichten laut der Studie von Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit oder depressiven Verstimmungen. Fast jede zweite betroffene Person beschreibt psychische Symptome, die einer Depression nahekommen.
Das sind Zahlen, die überraschen und gleichzeitig erschreckend logisch erscheinen. Denn ein unerfüllter Kinderwunsch ist selten ein einmaliges Ereignis.
Wenn jeder Monat emotional belastet
Er zieht sich oft über Monate oder Jahre. Jeder neue Zyklus bringt neue Hoffnung. Jede ausbleibende Schwangerschaft einen weiteren emotionalen Absturz. Dazu kommen medizinische Untersuchungen, hormonelle Belastungen, finanzielle Sorgen und die ständige Konfrontation mit dem Thema im Alltag.
Die Schwangerschaft der Kollegin, die Babyfotos auf Instagram, die gut gemeinten Fragen bei Familienfesten. Viele erzählen davon, dass sie Einladungen zu Taufen oder Kindergeburtstagen vermeiden. Dass sie sich von Freundschaften zurückziehen. Dass sie irgendwann nicht mehr wissen, wie oft sie noch hoffen können.
Psychischer Druck oft stärker als körperliche Belastung
Besonders bemerkenswert an der Studie ist ein Ergebnis, das viele Außenstehende vermutlich unterschätzen würden: 66 Prozent der Betroffenen sagen, dass die psychische Belastung zeitweise größer war als die körperliche oder finanzielle Belastung.
Das ist deshalb so relevant, weil Diskussionen rund um Kinderwunschbehandlungen meist auf medizinische oder finanzielle Fragen reduziert werden. Wie hoch sind die Kosten? Was zahlt die Krankenkasse? Doch die eigentliche Herausforderung beginnt oft dort, wo keine Laborwerte mehr helfen können: im Kopf.
Der Verlust von Kontrolle
Viele Betroffene beschreiben die Kinderwunschzeit als emotionalen Ausnahmezustand. Zwischen Hoffnung und Enttäuschung bleibt kaum Raum für Stabilität. Jeder Monat wird zum emotionalen Countdown.
Besonders belastend ist dabei die fehlende Kontrolle. Während viele Lebensziele planbar erscheinen – Ausbildung, Karriere, Wohnung, Reisen – lässt sich eine Schwangerschaft nicht erzwingen.
Und genau dieses Gefühl des Kontrollverlusts kann psychisch enorm belastend sein. 63 Prozent der Befragten empfinden den unerfüllten Kinderwunsch emotional sogar als vergleichbar mit anderen großen Verlusten im Leben.
Warum viele Betroffene schweigen
Trotzdem wird kaum offen darüber gesprochen. Die Studie zeigt: 62 Prozent der Menschen in Österreich sehen unerfüllten Kinderwunsch weiterhin als Tabuthema. Unter jenen, die das Thema als tabuisiert wahrnehmen, nennt mehr als die Hälfte Scham oder Peinlichkeit als Hauptgrund.
Das Schweigen beginnt oft schon im direkten Umfeld. Viele Betroffene erzählen, dass sie ihre Behandlungen geheim halten. Dass sie Ausreden für Arzttermine erfinden. Dass sie Fehlversuche niemandem erzählen. Warum? Weil unerfüllter Kinderwunsch gesellschaftlich noch immer mit Erwartungen, Rollenbildern und persönlichem Versagen verknüpft wird.
Besonders Frauen erleben häufig subtilen Druck. Noch immer gilt Mutterschaft für viele als „natürlicher“ Lebensweg. Wer keine Kinder bekommt, muss sich oft erklären – selbst dann, wenn niemand die Hintergründe kennt.
Scham, Druck und gesellschaftliche Erwartungen
Und Schweigen verstärkt die psychische Belastung zusätzlich. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hatte laut Studie das Gefühl, mit den eigenen Gedanken und Gefühlen allein zu sein.
Das ist vielleicht eine der traurigsten Zahlen der gesamten Erhebung.
Die emotionale Belastung während IVF und Behandlung
Besonders schwierig wird die Situation für viele Menschen während einer Kinderwunschbehandlung. Hormone, medizinische Eingriffe, Wartezeiten und Unsicherheit beeinflussen nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Viele Betroffene leben monatelang in einem Zustand permanenter Anspannung.
Trotzdem spielt psychologische Unterstützung in der Versorgung bisher oft nur eine Nebenrolle. 67 Prozent der Befragten mit Behandlungserfahrung hätten sich während der Kinderwunschbehandlung mehr psychologische Unterstützung gewünscht.
Tatsächlich genutzt haben entsprechende Angebote jedoch nur acht Prozent.
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Warum viele keine psychologische Hilfe bekommen
Warum diese enorme Lücke? Die Gründe sind vielfältig.
Manche wussten gar nicht, dass es psychologische Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Andere konnten sie sich finanziell nicht leisten. Wieder andere hatten das Gefühl, „stark bleiben“ zu müssen. Dabei wäre genau in dieser Phase professionelle Begleitung besonders wichtig.
Denn psychologische Unterstützung bedeutet nicht automatisch schwere psychische Erkrankung. Oft geht es vielmehr darum, mit Druck, Angst, Enttäuschung und Beziehungskonflikten besser umgehen zu können.
Viele Paare erleben in der Kinderwunschzeit massive Spannungen.
Die Fruchtbar gibt Betroffenen eine Stimme
Genau hier setzt die Patient:innen-Organisation Die Fruchtbar – Verein Kinderwunsch Österreich an. Die Organisation möchte das Thema aus der Tabuzone holen und Betroffenen eine Stimme geben. Neben Aufklärungsarbeit organisiert Die Fruchtbar auch Selbsthilfegruppen und Austauschmöglichkeiten – sowohl persönlich als auch online.
Und genau dieser Austausch kann enorm entlastend sein. Denn viele Betroffene erleben zum ersten Mal, dass sie nicht allein sind. Dass andere dieselben Gedanken haben, dieselben Ängste, dieselben Trigger. Dass sie nicht „zu sensibel“ reagieren. Und dass Traurigkeit, Wut oder Erschöpfung in dieser Situation völlig nachvollziehbar sind.
Die Gründerin und Obfrau der Organisation, MMag. Christina Fadler, kennt die Situation selbst aus eigener Erfahrung. Nach ihrer ersten gescheiterten IVF-Behandlung begann sie öffentlich über das Thema zu sprechen – zunächst über einen Blog und später mit einer Selbsthilfegruppe.
Heute ist Die Fruchtbar eine wichtige Stimme für Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch in Österreich.
Instagram, TikTok und der emotionale Druck
Interessant ist auch die Rolle sozialer Medien. Einerseits finden viele Betroffene dort erstmals Community, Information und Verständnis. Kinderwunsch-Accounts auf Instagram oder TikTok schaffen Sichtbarkeit für Erfahrungen, die früher meist verborgen blieben.
Andererseits können soziale Medien psychischen Druck verstärken.
Ständig scheinbar perfekte Schwangerschaften, Gender-Reveal-Partys, Baby-Announcements. Während andere ihre Glücksmomente posten, erleben Betroffene oft gerade einen weiteren negativen Schwangerschaftstest. Viele berichten davon, Social Media phasenweise kaum mehr ertragen zu können.
Was sich im Gesundheitssystem ändern muss
Die Studie zeigt deutlich: Österreich hat beim Thema psychische Unterstützung im Kinderwunschbereich großen Aufholbedarf. Und die Bevölkerung scheint das ebenfalls zu erkennen.
79 Prozent sprechen sich dafür aus, psychotherapeutische Begleitung fix in Kinderwunschbehandlungen zu integrieren. 89 Prozent wünschen sich unabhängige und spezialisierte Beratungsstellen. Das ist ein bemerkenswert klarer gesellschaftlicher Auftrag.
Denn psychische Gesundheit darf bei Kinderwunschbehandlungen kein „Zusatzangebot“ für jene sein, die es sich leisten können.
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Bildquellen
- Die Fruchtbar Kinderwunsch: © pexels mart production
