Allergien galten lange als typisches Frühlingsproblem. Doch wer im Februar mit juckenden Augen oder einer verstopften Nase aufwacht, weiß: Die Pollensaison hat sich längst verschoben.
Mildere Winter, längere Vegetationsperioden und Umweltbelastungen sorgen dafür, dass Beschwerden heute deutlich früher beginnen – und später enden. Für viele Betroffene bedeutet das: Statt drei Monate Heuschnupfen drohen bis zu zehn Monate Belastung im Jahr.
Wir haben mit Dr. Walter Kratochwil, Ärztlicher Leiter der Allergerie Ambulatorien Niederösterreich über dieses Phänomen gesprochen
Februar ist kein Ruhezustand mehr: Wenn Frühblüher durchstarten
Während viele noch an Winter denken, beginnt für Allergiker oft schon die Hochsaison. Verantwortlich sind die sogenannten Frühblüher – allen voran Hasel, Erle, Birke und Esche.
Dr. Kratochwil erklärt im Gespräch, dass aktuell die Baumpollen – die sogenannten Frühblüher – beginnen, darunter Hasel, Erle, Birke und Esche. Besonders die Hasel könne manchmal schon Anfang Jänner belasten, die anderen Baumpollen folgten teilweise zeitlich überlappend.
Die Symptome seien dabei sehr ähnlich: verstopfte Nase, Niesen, Augenjucken – in schwereren Fällen sogar Beschwerden bis hin zum allergischen Asthma. Deshalb sei eine genaue Anamnese wichtig, um den tatsächlichen Auslöser herauszufinden.
Die Pollenbelastung werde durch Pollenfallen gemessen und vom Pollenwarndienst veröffentlicht. Dabei gebe es zeitliche Unterschiede, witterungsbedingte Verstärkungen und örtliche Gegebenheiten, die großen Einfluss hätten. Grundsätzlich könnten alle Bevölkerungsgruppen betroffen sein, bei Kindern und Jugendlichen träten Symptome allerdings häufig besonders stark auf. Auch Begleiterkrankungen der oberen Atemwege wie Asthma oder COPD sowie Rauchen verschlimmerten die Situation deutlich.
Stadt vs. Land: Wo Pollen besonders aggressiv sind
Nicht nur die Pflanzenart, sondern auch der Aufenthaltsort entscheidet über die Intensität der Beschwerden. Laut Dr. Kratochwil steigt die Pollenbelastung in ländlichen Regionen bis zur Mittagszeit kontinuierlich an, während sie in Städten oft erst am Abend ihren Höhepunkt erreicht.
Trockenheit und Wind verstärken den Pollenflug zusätzlich. Gleichzeitig spielen Umweltfaktoren eine immer größere Rolle. Schadstoffe in der Luft können die Oberfläche der Pollenkörner verändern und deren allergenes Potenzial erhöhen – insbesondere im städtischen oder industriellen Umfeld.
Für Betroffene bedeutet das: Selbst bei ähnlicher Pollenzahl können Symptome in der Stadt stärker ausfallen als am Land.
Praktische Maßnahmen können die Belastung reduzieren. Dr. Kratochwil empfiehlt, den Aufenthalt im Freien bei starker Pollenbelastung zu reduzieren. Im Auto und im Haus können Pollenfilter eingebaut werden, und nach der Heimkehr sollte die Kleidung gewechselt werden. Auch eine gesunde, ausgewogene Ernährung sei hilfreich, das Vermeiden von Rauchen entlaste die oberen Atemwege zusätzlich.
Ganzjährig unter Strom: Wenn Allergene sich addieren
Die klassische Vorstellung einer klar abgegrenzten „Heuschnupfen-Saison“ passt immer weniger zur Realität. Viele Betroffene erleben heute eine beinahe ganzjährige Belastung.
Dr. Kratochwil erklärt, dass eine chronische Belastung dann gegeben ist, wenn perenniale Allergene wie Hausstaubmilben, Vorratsmilben, Schimmelpilze oder Tierhaare kontinuierlich auftreten. Das Immunsystem bleibt dadurch dauerhaft aktiviert.
Kommen saisonale Allergene hinzu, verstärkt sich die Reaktion zusätzlich. Saisonale Allergene treten laut Kratochwil zeitlich geballt auf: im Frühjahr Baumpollen, im Sommer Gräser- und Getreidepollen und im Spätsommer beziehungsweise Herbst Kräuterpollen wie Beifuß und Ragweed. Gerade dieses plötzliche Auftreten führe dazu, dass die Symptome als besonders akut und intensiv empfunden werden.
Viele Patientinnen und Patienten reagieren zudem auf mehrere Allergene gleichzeitig. Wer im Frühjahr auf Birkenpollen, im Sommer auf Gräser und zusätzlich ganzjährig auf Hausstaubmilben sensibilisiert ist, erlebt kaum noch echte beschwerdefreie Phasen. Das Immunsystem befindet sich permanent im Alarmmodus – mit Auswirkungen auf Schlafqualität, Leistungsfähigkeit und allgemeines Wohlbefinden.
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Klimawandel: Warum die Pollensaison immer länger wird
Dass Allergien heute früher beginnen und später enden, ist eng mit der allgemeinen Erwärmung verknüpft. Mildere Winter lassen Pflanzen früher austreiben, wärmere Herbste verlängern die Blütezeit.
Dr. Kratochwil betont, dass Frühblüher wie die Hasel mittlerweile schon Anfang Jänner Pollen freisetzen können. Gleichzeitig verursachen Kräuterpollen bis in den Oktober hinein Beschwerden. Insgesamt können saisonale Allergene dadurch bis zu zehn Monate im Jahr belasten.
Zusätzlich verstärkt Umweltverschmutzung die Problematik. Pollen entfalten im städtischen oder industriellen Umfeld ein höheres allergenes Potenzial. Schadstoffe können die Struktur der Pollenkörner verändern und ihre Wirkung auf die Schleimhäute intensivieren.
Die Folge ist eine längere und intensivere Pollensaison – mit steigender Zahl an Betroffenen und stärkerer Gesamtbelastung.
Von Heuschnupfen zu Asthma: Warum frühe Therapie entscheidend ist
Viele Menschen betrachten Heuschnupfen noch immer als lästig, aber harmlos. Doch unbehandelt kann sich die Entzündung von den oberen auf die unteren Atemwege ausweiten – der sogenannte „Etagenwechsel“. Das Risiko für allergisches Asthma steigt deutlich.
Zur Behandlung erklärt Dr. Kratochwil, dass symptomatische Therapien wie Antihistaminika und Nasensprays zwar die Beschwerden vermindern, jedoch nur die Symptome behandeln.
Um die Ursache zu bekämpfen und das Fortschreiten der Allergie zu verhindern, gilt die spezifische Immuntherapie – umgangssprachlich Allergieimpfung – als Therapie der Wahl. Diese ist nicht nur als subkutane Injektion verfügbar, sondern auch oral in Tropfen- oder Tablettenform.
Dennoch würden laut Kratochwil derzeit nur etwa sechs bis sieben Prozent der Betroffenen diese effektive Therapie in Anspruch nehmen – ein deutliches Zeichen dafür, dass Aufklärung weiterhin notwendig ist.
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Wissen schützt: Prävention und moderne Strategien im Alltag
Angesichts einer nahezu ganzjährigen Pollensaison braucht es neue Strategien im Umgang mit Allergien. Der regelmäßige Blick auf den Pollenwarndienst hilft, Extrembelastungen zu vermeiden und Aktivitäten entsprechend anzupassen.
Eine gut abgestimmte symptomatische Medikation kann Erleichterung schaffen. Entscheidend bleibt jedoch die frühzeitige Diagnostik. Nur wenn klar ist, welche Allergene Beschwerden verursachen, kann gezielt behandelt werden.
Dr. Kratochwil betont, dass vor allem eine frühzeitige Abklärung und gegebenenfalls eine konsequente spezifische Immuntherapie beim allergologisch spezialisierten Arzt helfen, Einschränkungen im Alltag zu verhindern.
Der Februar steht exemplarisch für die neue Realität: Die Pollensaison beginnt früher, dauert länger und betrifft immer mehr Menschen. Allergien sind längst kein kurzfristiges Frühlingsproblem mehr, sondern eine chronische Herausforderung unserer Zeit. Wer Symptome ernst nimmt und moderne Therapien nutzt, kann jedoch trotz verlängerter Pollensaison gut durch das Jahr kommen – und sich ein großes Stück Lebensqualität sichern.
Bildquellen
- Allergien im Februar: Ridofranz/ istockphoto.com
