Alle Aussagen erfolgen im Rahmen eines redaktionellen Beitrags und basieren auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsansätzen. Sie stellen keine medizinische Beratung, keine Heilaussagen und keine Wirkversprechen dar, sondern dienen der allgemeinen Information zu ernährungswissenschaftlichen Zusammenhängen.
Länger leben möchten viele – gesund altern wollen eigentlich alle. Genau hier setzt Longevity-Forschung an: Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie biologische Alterungsprozesse auf Zellebene verlaufen und wie sie positiv begleitet werden können. Statt schneller Anti-Aging-Versprechen rücken dabei Mechanismen wie Autophagie, Zellschutz und Energieversorgung in den Fokus.
Wir haben mit Pola Aziz, Molekularbiologe & Biochemiker darüber gesprochen und darüber, welche Rolle Inhaltsstoffe wie Spermidin, Vitamin E oder Schwarzkümmelöl aus wissenschaftlicher Sicht für eine gesunde Zellalterung spielen können.
Wie Autophagie als natürlicher Reinigungsprozess zur Longevity beiträgt
Autophagie gilt als einer der zentralen Prozesse gesunder Zellalterung. Sie sorgt dafür, dass beschädigte oder nicht mehr benötigte Zellbestandteile abgebaut und wiederverwertet werden. Pola Aziz nutzt dafür ein anschauliches Bild:
„Man kann sich jede Zelle wie eine kleine Stadt vorstellen. Tag für Tag wird dort gearbeitet, produziert, repariert – und dabei fällt auch Müll an. Alte Eiweiße, verbrauchte Bauteile, Überreste ganz normaler Stoffwechselprozesse.”
Die Zelle besitzt dafür ein eigenes Aufräumsystem, in der Wissenschaft Autophagie genannt, wie Aziz weiter erklärt.
Spermidin wird in der Forschung seit einigen Jahren intensiv im Zusammenhang mit diesem Prozess untersucht. Die bekannten Wirkmechanismen stammen überwiegend aus experimentellen und beobachtenden Studien. Aziz sagt auch, dass die Rolle einer spermidinreichen Ernährung beim Menschen weiterhin erforscht wird. Humanstudien zeigen bislang vor allem Effekte auf Entzündungsmarker und zelluläre Stressparameter.
Zellgesundheit als Zusammenspiel von Reinigung, Schutz und Energie
Longevity lässt sich nicht auf einen einzelnen Wirkstoff reduzieren. Zellgesundheit entsteht aus dem Zusammenspiel mehrerer biologischer Ebenen. Um diese Komplexität greifbarer zu machen, arbeitet Pola Aziz mit einem Modell aus drei Säulen: Zellreinigung, Zellschutz und Zellaktivierung.
Er betont, dass dieses Modell kein medizinisches Versprechen, sondern eine Orientierungshilfe sei, um zelluläre Prozesse besser einzuordnen. Das sieht wie folgt aus:
- Beim Reinigen beschäftigt sich die Forschung mit natürlichen Reinigungs- und Anpassungsmechanismen der Zelle über Autophagie-assoziierte Marker und Entzündungsparameter.
- Beim Schutz geht es um den Umgang mit oxidativen Belastungen, die im Alltag ganz normal entstehen. Dies wird über Marker für oxidativen Stress und DNA-Schäden bewertet.
- Bei der Energie steht der zelluläre Stoffwechsel im Fokus – also die Frage, wie Zellen ihre tägliche Arbeit überhaupt bewältigen. Dies wird durch den NAD+-Status und die mitochondriale Funktion betrachtet.
Oxidativer Stress als alltägliche Herausforderung für die Zelle
Oxidativer Stress entsteht nicht nur durch Umweltverschmutzung oder UV-Strahlung, sondern bereits im normalen Stoffwechsel. „Atmen ist Leben. Und gleichzeitig ist Atmen Arbeit für unsere Zellen“, so Pola Aziz. Bei der Energiegewinnung mit Sauerstoff entstehen reaktive Sauerstoffverbindungen, die Zellstrukturen belasten können.
Der Körper verfügt über eigene Schutzsysteme, doch:
“Problematisch wird es erst, wenn Belastungen zunehmen, etwa durch Umweltfaktoren, intensive körperliche Aktivität, Stress oder Nährstoffmangel und diese Schutzmechanismen aus dem Gleichgewicht geraten.”
Aziz erklärt in diesem Zusammenhang, dass antioxidative Nährstoffe in der Forschung als Bestandteil eines langfristigen Ernährungsansatzes betrachtet werden – nicht als kurzfristige Lösung.
Schwarzkümmelöl zwischen Tradition und moderner Zellforschung
Schwarzkümmelöl (Nigella sativa) wird seit Jahrhunderten (im alten Ägypten als Gold der Pharaonen geschätzt) verwendet und ist heute erneut Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Inhaltsstoffe wie Thymochinon, Polyphenole und ungesättigte Fettsäuren werden in experimentellen Modellen mit oxidativen und entzündungsassoziierten Signalwegen in Verbindung gebracht.
Pola Aziz betont, dass Schwarzkümmelöl weniger als isolierter Wirkstoff interessant ist, sondern als komplexe pflanzliche Matrix. Gerade diese Vielstofflichkeit könne aus zellbiologischer Sicht relevant sein, da mehrere Schutzmechanismen gleichzeitig adressiert werden.
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Vitamin E als struktureller Schutz der Zellmembranen
Vitamin E zählt zu den klassischen Antioxidantien – und spielt dennoch eine sehr spezifische Rolle.
„Vitamin E fühlt sich dort besonders wohl, wo auch Fette sind – etwa in Zellmembranen“
Dort unterbricht es oxidative Kettenreaktionen, die Lipide und Membranstrukturen schädigen könnten. Diese Funktion ist auch offiziell anerkannt: Vitamin E trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Im Longevity-Kontext wird Vitamin E daher als Bestandteil der strukturellen Zellstabilität verstanden, nicht als kosmetisches Anti-Aging-Versprechen.
Energieversorgung der Zellen und die Rolle von NAD⁺
Neben Reinigung und Schutz ist die Energieversorgung entscheidend für zelluläre Funktion. Im Zentrum steht dabei das Coenzym NAD⁺. Pola Aziz stellt klar, dass ohne NAD⁺ in der Zelle „kaum etwas läuft“.
Mit zunehmendem Alter sinken die NAD⁺-Spiegel, was mit einer verminderten mitochondrialen Leistungsfähigkeit einhergehen kann. Die Forschung untersucht daher intensiv, wie Vorstufen von NAD⁺ den normalen Energiestoffwechsel unterstützen können – insbesondere in energieintensiven Geweben.
Biomarker: Was sich messen lässt – und was nicht
In der Longevity-Forschung kommen zahlreiche Biomarker zum Einsatz, darunter Entzündungsparameter, Marker für oxidativen Stress, epigenetische Muster oder Telomerlängen. Aziz betont jedoch, dass diese Marker primär Forschungsinstrumente sind.
Er sagt auch, dass solche Messgrößen helfen, biologische Alterungsprozesse besser zu verstehen, jedoch keine direkten Rückschlüsse auf individuelle Wirkungen einzelner Nährstoffe erlauben. Longevity ist ein langfristiger Prozess, kein kurzfristiges Optimierungsziel.
Seneszente Zellen und neue Perspektiven der Altersforschung
Ein dynamisches Forschungsfeld sind seneszente Zellen – Zellen, die ihre Teilungsfähigkeit verloren haben, aber im Gewebe verbleiben. „Ich nenne sie gerne unsere Zombie-Zellen“, sagt Aziz. Diese Zellen stehen im Verdacht, Entzündungsprozesse zu fördern und Alterungsmechanismen zu verstärken.
Aktuell wird an sogenannten Senolytika geforscht, die solche Zellen gezielt entfernen sollen. Parallel gewinnen Themen wie Proteinstabilität und zelluläre Stressresistenz zunehmend an Bedeutung.
Longevity als langfristige Balance
Abschließend macht Pola Aziz deutlich, dass Longevity weniger mit spektakulären Einzelwirkungen zu tun hat als mit langfristiger biologischer Balance. Er sagt auch, dass viele traditionelle Pflanzenstoffe heute mit modernen Methoden neu bewertet werden – darunter Schwarzkümmelöl oder spermidinreiche Lebensmittel wie Weizenkeime.
Longevity bedeutet in diesem Verständnis nicht, das Altern aufzuhalten, sondern die zellulären Prozesse so zu begleiten, dass Anpassungsfähigkeit, Stabilität und Funktion möglichst lange erhalten bleiben.
Bildquellen
- Frau macht yoga: miniseries/ iStockphoto.com
