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Terroranschlag in Wien: "Natürlich wächst damit auch die Angst"

Das Attentat in Wien versetzte ganz Österreich in eine Schockstarre. Wir haben mit Psychiater Dr. Dietmar Winkler gesprochen, wie sich Terroranschläge auf unsere Psyche auswirken können. 

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Interview Angst Terror Wien
Constantinis / iStock

Am Abend des 2. Novembers ereignete sich in der Wiener Innenstadt ein Terroranschlag. Dies löste bei der Bevölkerung vor allem Unsicherheit und Angst aus. Wir haben mit Psychiater Dr. Dietmar Winkler gesprochen, wie sich Terroranschläge auf unsere Psyche auswirken können und wie man mit Ängsten umgehen sollte.

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gesundheitstrends.com: Wie gehen wir am besten mit den Ängsten um, die der Terroranschlag von Wien bei vielen von uns auslöst?

Dr. Dietmar Winkler: Das erste ist, es ist noch keine 24 Stunden her, seit dieser Terroranschlag begonnen hat. Die Polizei und Sicherheitskräfte haben alle Wiener aufgefordert, wenn möglich, am Dienstag zuhause zu bleiben und auch die Schulpflicht für Kinder ist aufgehoben. Das Allererste beim Helfen, Schützen und Retten, auch im Rettungsdienst ist der Selbstschutz. Das heißt, dass die Bevölkerung aufgefordert ist, sich physisch zu schützen.

gesundheitstrends.com:  Was bedeuten die Ereignisse für unsere Psyche?

Dr. Dietmar Winkler: Bezüglich der Psyche denke ich: Bald wird alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen. Sobald die Lage wieder als sicher gilt, sollten wir auch in unsere gewohnten Routinen zurückkehren.

Diese Terroranschläge haben, je näher sie auch geografisch näher an uns kommen, unterschiedliche Wirkung auf uns. Wenn sie im selben Land, derselben Stadt, derselben Straße oder sogar im selben Haus stattfinden, dann wächst damit natürlich auch die Angst, die diese Ereignisse auslösen. Das Gefühl der Sicherheit wird zunehmend beeinträchtigt. Aber Menschen stumpfen auch mit der Zeit gegenüber diesen Ängsten ab. Das ist auch wichtig. So ist es beispielsweise auch möglich, dass Menschen in einem Kriegsgebiet wohnen bleiben, in dem es permanent eine gewisse Gewalt gibt.

Bis dato war es aber so, dass diese Terroranschläge hunderte oder tausende Kilometer weit weg stattfanden. Diese Situation ist also neu für uns.

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gesundheitstrends.com: Mit welchen Folgen rechnen Sie?

Dr. Dietmar Winkler: Die Mehrheit der Wiener wird keine psychischen Folgeschäden durch diesen Anschlag davontragen.  Also von den zwei Millionen Menschen, die hier leben, wird das ein verschwindend kleiner Prozentsatz sein.

Bei Angstpatienten kann es natürlich kurzzeitig zu einer Akzentuierung kommen.  Allgemein ist es individuell sehr unterschiedlich, wie man damit umgeht.

Überraschend wenig Wirkung haben solche Ereignisse beispielsweise auf Menschen, die davor schon unter schweren psychischen Erkrankungen gelitten haben. Sie sind häufig so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie wenig auf diese Bedrohungsszenarien reagieren. Das hat sich in der Vergangenheit gezeigt.

Für die große Mehrheit wird der Terroranschlag ohne Folgen vorübergehen. Helfen kann man zum Beispiel mit allgemeinen Ratschlägen zur psychischen Gesundheit im Sinne von entspannenden Aktivitäten.

gesundheitstrends.com: Hilft das Sprechen über das Passierte bei der Aufarbeitung?

Dr. Dietmar Winkler: Sofern es möglich ist, ist es ratsam miteinander darüber zu sprechen und sich so zu unterstützen. Das ist auf jeden Fall eine gute Idee.

Schwierig ist das natürlich für Menschen, die niemanden haben, mit dem sie darüber sprechen können. Also Menschen, die sehr einsam sind, und von ihnen gibt es in einer großen Stadt wie Wien viele. Das ist sicherlich eine Gruppe, die es momentan besonders schwer hat: Menschen die ohnehin wenig soziale Kontakte haben. Da könnte man sogar von einer Risikogruppe sprechen. Wenn man in einer Familie, mit Partnern oder Freunden zusammenlebt oder zumindest mit ihnen telefonieren kann, kehrt das Gefühl der Sicherheit wieder schneller ein. Die Ängste legen sich dann.

Zusätzlich haben wir die Coronakrise. Wir müssen Abstand halten, haben noch zusätzlich den Lockdown, wo es heißt, dass wir uns nicht mehr viel mit anderen treffen sollen. Es gibt also viele Dinge, die uns belasten. Der Terroranschlag fällt nun direkt mit dem Lockdown, der ohnehin schon ein gewisses Gefühl der Unsicherheit auslöst, zusammen. Das macht es nicht leichter damit umzugehen.

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gesundheitstrends.com: Wie geht man in dieser Ausnahmesituation am besten mit den sozialen Medien um? Sollte man sie meiden, wenn man mit Ängsten zu kämpfen hat?

Dr. Dietmar Winkler: Ich glaube, es geht hier vor allem um das richtige Maß. Man kann es mit diesen Medien übertreiben. Manche Menschen, die zu Ängsten neigen, bekommen davon eine regelrechte Überdosis, weil sie permanent checken, ob jemand etwas Neues gepostet hat. Mit einer Art morbiden Faszination müssen sie am Laufenden bleiben.

Ich bin der Meinung, man sollte sowohl allgemein als auch in der momentanen Situation sowieso darauf achten, dass man sich auch social-media-freie Zeit nimmt. Dass man eben nicht 24 Stunden darin investiert. Das ist für die psychische Gesundheit zu beachten, insofern, als man immer ein bisschen selbstreflektiert beobachtet, wie angespannt und nervös man gerade ist. Sich fragt, wie hoch das eigene Stresslevel oder Anspannungsniveau gerade ist und dementsprechend reagiert. Das man Aktivitäten setzt, die einen selbst entspannen. Was auf jemanden eine entspannende, entstressende Wirkung hat, ist individuell unterschiedlich.

Das Leben erscheint vielen von uns ohnehin stressig genug. Es kommt darauf an, wie wir den Stress wahrnehmen, wie wir darauf reagieren. Das kann für jeden etwas Unterschiedliches sein. Und gerade in schwierigen Zeiten wie diesen müssen wir Taktiken entwickeln, die uns helfen, uns zu beruhigen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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