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Menschliches Recycling – Wie wertvoll ist medizinisches Abfallmaterial?

Ein Baby wird geboren – was passiert mit der Plazenta? Meist wird sie einfach entsorgt. Ebenso das Fettabsaugungsmaterial beim plastischen Chirurgen. Am LBI Trauma, Forschungszentrum der AUVA, weiß man seit geraumer Zeit, dass diese Materialien viel zu wertvoll für den Müll sind.

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Plazenta wird wiederverwertet
photosoup / iStock

Am Ludwig Boltzmann Institut für experimentelle und klinische Traumatologie (LBI Trauma) forscht man intensiv an der Regeneration von menschlichem Gewebe. Ganz nach dem Motto des Österreichischen Geweberegenerationsclusters: "Regenerieren statt reparieren!"

Beschädigtes Gewebe soll also nicht einfach durch künstliche Implantate ersetzt werden. Stattdessen macht man sich die körpereigene Heilung zunutze – man gibt dem Körper lediglich geeignete Bedingungen, um selbst neues Gewebe zu bilden.

Mehr dazu: Die Plazenta ist kein Superfood

Vieles müsste nicht in den Müll

Gewebe und Zellen menschlichen Ursprungs haben hohes regeneratives Potenzial, weil sie Signale abgeben, die der Körper wiedererkennt. Oder sie verkörpern im Optimalfall genau das Gewebe, das regeneriert werden soll.

Auf den ersten Blick erscheint es schwer, an menschliches "Material" zu kommen, doch tatsächlich werden allein in Europa jährlich tausende Tonnen entsorgt. Ein großer Teil davon könnte aufbereitet und zurück in den Patienten gebracht werden.

Die Plazenta ist ein typisches Beispiel für so ein Material. Auf ihr befindet sich meist noch das Amnion, die innerste der das Fruchtwasser umgebenden Eihäute. Es wird bereits seit Jahren im klinischen Alltag als Auflage für Brandwunden und chronische Wunden eingesetzt. Durch seine entzündungshemmenden Eigenschaften kommt es zu einer schnelleren Heilung und einer reduzierten Narbenbildung. Weitere Anwendungen erprobt man derzeit im Labor. Am AUVA Forschungszentrum wird beispielsweise die Wirksamkeit von Amnion als Gleitschicht bei schmerzhaften Adhäsionen der Nerven untersucht. Die Plazenta selbst verfügt über eine ausgezeichnete Blutgefäßstruktur, welche in der Zukunft als Implantat Verwendung finden kann.

Stammzellen aus Fettgewebe

Auch an der Gewinnung und Erforschung von humanen adulten Stammzellen aus medizinischem Abfallmaterial wie etwa Fettgewebe oder Plazenten forscht man am LBI Trauma. Diese sind von großem Wert für die regenerative Medizin, sie können zu Knochen-, Knorpel- oder Bindegewebe differenzieren, und schleusen bioaktive Substanzen aus, die Entzündungen hemmen und sich positiv auf die Durchblutung auswirken.

Medizinisch versierte Leser werden sich jetzt fragen: Was hält das Immunsystem des Patienten davon? Sowohl Amnion als auch Stammzellen sind "immunprivilegiert", das Immunsystem greift sie nicht an. Anderes Gewebe wie etwa Blutgefäße braucht eine Vorbehandlung, um es von Bestandteilen, die der Körper des Patienten als fremd erkennt, zu befreien. Danach steht auch hier dem Recycling nichts im Wege.

Wie auch sonst oft im Leben gilt hier: des einen Abfall ist des anderen Schatz – oder in diesem Fall des anderen Heilung.

Expertenkontakt: Dr. Susanne Wolbank, susanne.wolbank@trauma.lbg.ac.at

Die moderne Medizin ist heute in der Lage, sogar schwerste Verletzungen gezielt zu behandeln, optimal zur Abheilung zu bringen und die volle Funktionsfähigkeit des verletzten Körperteils wiederherzustellen.

Basis dafür ist die sogenannte Traumaforschung (Traumatologie = Wissenschaft von Verletzungen und Wunden, sowie deren Entstehung und Therapie) wobei auf diesem Gebiet in Österreich schon lange internationale Pionierarbeit geleistet wird.

"Accidental" Discoveries beschreibt die Unfallforschung am Ludwig Boltzmann Institut für experimentelle und klinische Traumatologie, zentrale Forschungsinstitution der AUVA. An den Standorten in Wien und Linz sowie in zahlreichen nationalen und internationalen Kooperationen wird dort seit über 40 Jahren Forschung auf Spitzenniveau betrieben. Spezialisiert hat sich das LBI Trauma auf Intensivmedizin und Geweberegeneration. Ein multidisziplinäres Team – bestehend aus Chemikern, Biochemikern, Ärzten, Physikern, Medizin- und Elektrotechnikern – erlaubt es, ein breites Spektrum angewandter Forschung abzudecken. Die gewonnenen Erkenntnisse werden direkt in den Unfallspitälern und Rehabilitationszentren der AUVA eingesetzt.

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