Expertin erklärt: Wie geht man mit der Diagnose Reizdarm um?

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Tabuthema trotz Häufigkeit

Das Reizdarmsyndrom, kurz RDS, ist eine häufige gastrointestinale Störung, die weltweit Millionen von Menschen betrifft. Allein in Österreich sind laut einem aktuellen ORF-Bericht eine halbe Million Menschen betroffen und somit ist es eine der häufigsten Erkrankungen unserer Bevölkerung. Doch die Diagnose ist weiterhin diffizil, da das Thema nach wie vor stark tabuisiert wird. Die Betroffenen leiden ähnlich wie bei weit verbreiteten, aber wenig erforschten chronischen Erkrankungen wie Endometriose, im Stillen und der Weg zur Diagnose kann oft Jahre dauern. Dabei kann bei einer frühzeitigen Diagnose das tägliche Leben verbessert werden und eine zeitige Symptomkontrolle zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität führen. Es stellt sich also die Frage: Wie erkenne ich, ob ich betroffen bin und was kann ich bei und vor allem nach einer Diagnose tun?

Symptome bei RDS

Ein häufiges Symptom des Reizdarmsyndroms sind wiederkehrende Bauchschmerzen oder Unwohlsein, die über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten auftreten. Diese Beschwerden können von einem aufgeblähten Bauch begleitet sein und treten häufig nach dem Stuhlgang oder bei Veränderungen der Stuhlfrequenz auf. Zusätzlich können Beschwerden wie Durchfall, Verstopfung oder eine Kombination aus beidem auftreten. Auch das Gefühl der unvollständigen Entleerung kann vorkommen. Die Symptome des RDS können jedoch stark variieren und sind oft unspezifisch, was die Diagnose erschwert. Auch bei einer vorschnellen Selbstdiagnose ist Vorsicht geboten, wie uns die Diätologin für Darmgesundheit Margarita Strimitzer erklärt: „Derzeit gibt es keine validen Messinstrumente, die ein Reizdarmsyndrom diagnostizieren können. Deshalb ist es sehr wichtig, die Beschwerden gründlich ärztlich abklären zu lassen, denn es gibt auch andere Erkrankungen, die sich durch ähnliche Symptome bemerkbar machen können.

Ausschlussdiagnose essentiell

Leidet man unter den typischen Symptomen, ist es also daher zunächst entscheidend, einen Facharzt aufzusuchen und eine Ausschlussdiagnostik durchzuführen. Dabei sind laut Strimitzer folgende Ursachen in Betracht zu ziehen, die ebenfalls die üblichen Symptome auslösen können:

  • Laktose- und Fruktos/Sorbitintoleranz
  • Bakterielle Fehlbesiedelung (SIBO)
  • Gallensäure-Malabsorption (Chologene Diarrhoe)
  • Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität
  • Zöliakie
  • Divertikel
  • Morbus Crohn
  • Colitis Ulcerosa
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz
  • Leber- und Gallenwegserkrankungen
  • Akute/chron. Verdauungsbeschwerden nach Operationen
  • Gynäkologische Ursachen (z.B. Ovarialzysten)

Diagnose Reizdarm – Was nun?

Ist die Diagnose Reizdarmsyndrom schließlich bestätigt, bleibt für viele Menschen die Unsicherheit, wie es weitergehen soll. Das immer noch tabuisierte Thema Reizdarmsyndrom macht es vielen zunächst schwer, offen damit umzugehen. Diese Unsicherheit sollte jedoch unbedingt überwunden werden, denn für einen beschwerdefreien Alltag ist es wichtig, dass sowohl Betroffene als auch ihr Umfeld über die Erkrankung Bescheid wissen. Nur so kann der persönliche Ernährungsplan ohne unangenehme Kommentare eingehalten werden. Oft stoßen Menschen mit Reizdarm auf Unverständnis, so dass neben dem körperlichen Leiden auch ein seelischer Faktor eine Rolle spielt. Für viele Betroffene kann die Diagnose aber auch augenöffnend und eine Erleichterung sein, da eine gezielte Therapie, die auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen RDS-Patienten abgestimmt ist, dazu beitragen kann, die Lebensqualität wieder zu verbessern, die Symptome zu kontrollieren und auch die psychischen Faktoren zu verbessern. „Man sollte sich unbedingt von einen erfahrenen Therapeuten hinzuziehen, damit z.B. Aufgrund von Unverträglichkeiten keine Mangelerscheinungen oder sekundäre Essstörungen aufgrund der Angst vor Bauchschmerzen entstehen.“, so Strimitzer im Interview mit Gesundheitstrends.

Ernährung und Trigger-Bestimmung

Obwohl das Reizdarmsyndrom eine erhebliche Belastung darstellen kann, können Betroffene durch eine frühzeitige Diagnose und einen ganzheitlichen Behandlungsansatz lernen, mit ihren Beschwerden umzugehen und eine bessere Lebensqualität zu erreichen. Mit der Diagnose „Reizdarmsyndrom“ gibt es heute durch das vielfältige Produktangebot in Supermärkten und Drogerien mehr Möglichkeiten, sich RDS-gerecht zu ernähren. Darüber hinaus können Lebensstiländerungen wie Stressbewältigung und regelmäßige Bewegung die Beschwerden zusätzlich lindern. Laut Strimitzer sollten die Lebensmittel möglichst naturbelassen und unverarbeitet sein, um mögliche Probleme zu vermeiden. Häufige Trigger beim Reizdarm sind außerdem Gluten, Laktose, viel Fett und Haushaltszucker, wobei auch hier betont werden muss, dass jeder Mensch individuell ist und somit auch die Auslöser unterschiedlich sind. Ein wichtiger Tipp sei ein Ernährungs- und Symptomtagebuch, das helfen kann, Auslöser zu identifizieren. Neben bestimmten Nahrungsmitteln stehen dabei auch Stressfaktoren wie emotionale und körperliche Belastungen sowie Umwelteinflüsse im Fokus.

Achtsamkeit und Geduld

Neben der richtigen Ernährung, der Auseinandersetzung mit Triggern und dem offenen Umgang nach außen ist der wohl wichtigste Faktor bei der Diagnose Reizdarm: Geduld und Selbstliebe. Dazu gehört, auf ausreichend Schlaf, Erholung und Ruhe zu achten. Man sollte sich beim Essen genügend Zeit für sich selbst nehmen und mit positiven Leitsätzen an das Thema herangehen. Achtsam mit sich umzugehen, die Krankheit zu verstehen und zu akzeptieren, sind schon wichtige Schritte. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen und man sollte darauf achten, dass die Diagnose psychisch gut verarbeitet wird. „Die Erkrankung muss ganzheitlich betrachtet und behandelt werden, um langfristig wieder mehr Lebensqualität zu erlangen. Ernährung, Lebensstil und die Regulation des (vegetativen) Nervensystems stehen daher im Vordergrund“, erklärt uns die Diätologin Margarita Strimitzer abschließend.

 

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